Florian Hartlieb: Teenager-Terroristen. Wie unsere Kinder radikalisiert werden - und wie wir sie schützen können, Hamburg: Hoffmann und Campe 2025, 224 S., ISBN 978-3-455-02063-2, EUR 25,00
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Alexandra Locher: Bleierne Jahre. Linksterrorismus in medialen Aushandlungsprozessen in Italien 1970-1982, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2013
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Daniele Ganser: Nato-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung. Mit einem Vorwort von Georg Kreis. Aus dem Englischen übersetzt von Carsten Roth, 2. Aufl., Zürich: Orell Füssli Verlag 2008
Arnd Bauerkämper / Grzegorz Rossoliński-Liebe (eds.): Fascism without Borders. Transnational Connections and Cooperation between Movements and Regimes in Europe from 1918 to 1945, New York / Oxford: Berghahn Books 2017
Sei es der Anschlag auf das israelische Generalkonsulat in München im Jahr 2024 oder der vereitelte Terrorangriff auf das Taylor-Swift-Konzert in Wien im selben Jahr - diese Ereignisse verbindet ein beunruhigendes Muster: das junge Alter der Täter. Diesem Phänomen widmete sich Florian Hartleb, der zu den renommiertesten Terrorismusexperten im deutschsprachigen Raum zählt.
Angetrieben von aktuellen Ereignissen nimmt Hartleb die Leserinnen und Leser "mit in die dunklen Ecken der digitalen Radikalisierung, in Chatgruppen, in denen Hass gepredigt wird, in Foren, die Terrorakte wie Videospiele inszenieren, und in die Psyche von Jugendlichen, die sich an einem Punkt befinden, an dem Gewalt als einziger Ausweg erscheint". (15) Das Ergebnis ist ein Buch, das sich nicht nur an Fachleute richtet, sondern ausdrücklich auch an ein breiteres Publikum. Dabei möchte Hartleb nicht nur Radikalisierungsdynamiken analysieren und verständlich machen, sondern auch konkrete Lösungsansätze zur Prävention aufzeigen. Diesem Ziel folgt konsequent der Aufbau des Buches, das sich in vier Abschnitte gliedert.
In seiner Einführung entfaltet Hartleb zunächst seine Definition von Terrorismus und Teenager-Terrorismus, umreißt sein Anliegen, bietet eine historische Kontextualisierung und skizziert als Einstieg die Lebenswelt der Jugendlichen. Dabei zeichnet er thesenhaft das Portrait einer Generation, die von grenzenlosen Möglichkeiten, politischem Engagement und gleichzeitig tiefer Orientierungslosigkeit geprägt sei. In dieser Situation, könne ein Gefühl der Isolation und Marginalisierung zu einem gefährlichen Nährboden für Radikalisierung werden. Im analytischen Kernkapitel untersucht Hartleb systematisch, die Entstehung und den Verlauf der Radikalisierung. Dabei beleuchtet er die Mechanismen extremistischer Rekrutierung, die Rolle von Ideologien und Verschwörungstheorien sowie den Einfluss von Social-Media- und Gaming-Plattformen. Er zeigt, wie Jugendliche, die sich im realen Leben nicht wahrgenommen fühlen, in digitalen Parallelwelten Zugehörigkeit, Anerkennung und Sinn suchen - und wie extremistische Akteure dieses Bedürfnis gezielt ausnutzen. Im Mittelpunkt seiner Analyse stehen dabei vor allem islamistische und rechtsextremistische Strömungen, also jene Ideologien, die die terroristische Szene in Europa in den vergangenen Jahren maßgeblich geprägt haben. Der dritte Teil wendet sich praktischen Präventions- und Deradikalisierungsansätzen zu. Hartleb formuliert konkrete Handlungsempfehlungen für Eltern, Schulen, Therapeuten, die Zivilgesellschaft und die Politik. Dabei betont er die gesamtgesellschaftliche Verantwortung: Radikalisierung - gerade im digitalen Raum - ist kein Randphänomen, das sich von selbst löst, sondern eine Herausforderung, der aktiv und koordiniert begegnet werden muss. Den Abschluss bildet ein eindringlicher Appell, sich der Herausforderung durch "Teenager Terroristen" entschlossen zu stellen, in der Hartleb eine ernste Gefahr für den sozialen Frieden und die Stabilität demokratischer Systeme sieht.
Hartlebs Buch ist ein ambitionierter Versuch, den Elfenbeinturm akademischer Literatur zu verlassen und einen bislang in Studien zu terroristischer Gewalt oft vernachlässigten Aspekt ins Zentrum zu rücken. Dies gelingt ihm vor allem durch eine zugängliche Sprache, eine überzeugende Darstellung der Radikalisierungsmechanismen und einen gelungenen Brückenschlag von der theoretischen Analyse zur praktischen Prävention. Zunächst ist Hartlebs sachliche, präzise Sprache hervorzuheben, die das Buch einem breiten Publikum öffnet. Fachjargon setzt er nur sparsam ein, wo er notwendig ist, wird er verständlich erläutert. Das macht die Lektüre gleichermaßen zugänglich wie erkenntnisreich.
Eine weitere Stärke des Buches liegt in der systematischen Darstellung der Wege in den Extremismus, die sich ideologieübergreifend in wesentlichen Punkten ähneln. Hartleb zeigt überzeugend, dass Radikalisierung schleichender, stufenweiser Prozess ist. Besonders aufschlussreich ist dabei die Analyse der Rolle digitaler Plattformen. Hartleb macht deutlich, wie extremistische Gruppen Gaming-Communitys und Social-Media-Kanäle gezielt einsetzen, um vereinsamte und orientierungslose Jugendliche anzusprechen. Das Versprechen ähnelt sich dabei stets: Zugehörigkeit, Sinn, Bedeutung. Wer im realen Leben das Gefühl hat, unsichtbar zu sein, findet in diesen digitalen Räumen plötzlich Gemeinschaft und Anerkennung. Die dabei transportierten Ideologien bieten einfache Erklärungen für komplexe Lebenssituationen und klare Feindbilder, denen die Schuld an der empfundenen Misere zugeschrieben werden kann.
Hartleb skizziert den typischen Radikalisierungsverlauf von anfänglicher Desillusionierung über die Suche nach Zugehörigkeit und Identität, potenziellen prägenden Traumaerfahrungen in jungen Jahren, der ersten Begegnung mit extremistischen Inhalten und der schrittweisen Übernahme einer Ideologie und deren Feinbilder bis hin zur Bereitschaft zur Gewalt. Dieses Modell ist nicht neu, doch Hartleb untermauert es mit aktuellen Fallbeispielen und bereitet es anschaulich auf. Zugleich betont der Autor zu Recht, dass trotz übergreifender Radikalisierungsmuster jeder Fall individuell sei. Gerade hierin liegt eine besondere Stärke seines Ansatzes: Durch den konsequenten Einsatz von Fallbeispielen verlässt er die Ebene abstrakter Statistiken, Daten und Theoriemodelle und verleiht den beschriebenen Phänomenen ein Gesicht.
Verdienstvoll ist weiterhin, dass Hartleb konkreten Ansätzen zur Prävention und Deradikalisierung breiten Raum einräumt. Ausgangspunkt ist seine zentrale These, dass "Teenager Terroristen" nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer gesellschaftlicher Fragmentierung und des Versagens traditioneller Institutionen verstanden werden müssen. Gerade diese Perspektive eröffnet neue Spielräume für Prävention und die Reintegration gefährdeter Jugendlicher. Unter Rückgriff auf bestehende Deradikalisierungsprogramme analysiert Hartleb deren Potenziale und Defizite und hebt hervor, dass nachhaltige Deradikalisierung Zeit und Ressourcen erfordert und sich nicht durch kurzfristige Maßnahmen ersetzen lässt. Auf dieser Grundlage beleuchtet er mehrere Ebenen, deren besondere Stärke im Zusammenspiel liegt: Auf individueller Ebene hebt er die Bedeutung stabiler, persönlicher Bezugspersonen hervor, die frühzeitig eingreifen können, wenn sich ein junger Mensch isoliert oder extremistischen Inhalten zuwendet. Auf institutioneller Ebene plädiert er für eine engere Vernetzung von Schule, Jugendarbeit, Sicherheitsbehörden und Zivilgesellschaft. Auf gesellschaftspolitischer Ebene fordert Hartleb schließlich eine stärkere Förderung von Medienkompetenz, damit Jugendliche extremistische Inhalte erkennen und hinterfragen können, sowie eine kritischere Regulierung digitaler Plattformen. Hartlebs Verdienst liegt hier darin, die häufig auf extremistische Milieus beschränkte Perspektive zu erweitern, allgemeine Instrumente auf Mikro-, Meso- und Makroebene systematisch darzustellen und diese Analyse mit klaren Handlungsforderungen an die jeweiligen Akteure zu verbinden.
Hartlebs Buch rückt überzeugend ein bislang vernachlässigtes Thema stärker ins öffentliche Bewusstsein und erweist sich als empirisch fundierter, fokussierter und zugleich empathischer Appell, der beinahe den Charakter eines Plädoyers annimmt. Es richtet sich an Fachleute ebenso wie an alle, die verstehen wollen, wie gerade heute in einer immer komplexeren und digitalen Welt Extremismus in der Mitte der Gesellschaft Wurzeln schlägt. Vor diesem Hintergrund erscheint es folgerichtig, dass der Gegenstand angesichts seiner Komplexität bewusst kompakt behandelt wird. Mit rund 200 Seiten mag dies auf den ersten Blick als Reduktion erscheinen; tatsächlich würde eine solche Kritik jedoch am Anliegen des Autors vorbeigehen. Gerade in der Verdichtung liegt eine besondere Stärke. Damit leistet das Buch nicht nur einen längst überfälligen Beitrag zu einer Debatte, die schon viel früher hätte geführt werden müssen, sondern richtet sich zugleich über den Kreis gesellschafts- und sicherheitspolitischer Akteure hinaus auch an die Wissenschaft. Dies zeigt sich etwa im historischen Abriss jugendlicher Radikalisierung, der vielfältige Anknüpfungspunkte für weiterführende Forschung bietet. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob ein stärker geschlechterspezifischer Zugang Hartlebs Argumentation weiter schärfen könnte. Seine Zurückhaltung angesichts der kontroversen Forschungsdebatte, inwieweit Incel-Gewalt als Terrorismus zu bezeichnen ist, lässt sich nachvollziehen - auffällig bleibt dennoch, dass in seinen Fallbeispielen überwiegend junge Männer als Täter auftreten. Insgesamt liefert Hartleb in Teenager Terroristen anschauliche Fallbeispiele gepaart mit analytischer Klarheit, ein solides empirisches Fundament und den Mut zu konkreten Handlungsempfehlungen. Wer das heutige Phänomen des Jugendterrorismus verstehen will, wird an diesem Buch nicht vorbeikommen.
Tobias Hof