Rezension über:

Philipp Graf: Ausgeschlagenes Erbe. Die jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR (= toldot. Essays zur jüdischen Geschichte und Kultur; Bd. 17), 2. Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2025, 225 S., zahlreiche s/w-Abb., ISBN 978-3-525-30372-6, EUR 25,00
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Rezension von:
Mario Keßler
Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF)
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Mario Keßler: Rezension von: Philipp Graf: Ausgeschlagenes Erbe. Die jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR, 2. Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/05/41045.html


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Philipp Graf: Ausgeschlagenes Erbe

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Im Rahmen des Geschichtsstudiums unternahm unsere Leipziger Seminargruppe (die DDR-Studenten waren stets als solche organisiert) 1977 eine Tagesexkursion nach Halberstadt. Ziel war das als Museum eingerichtete Wohnhaus des Dichters und Kunstsammlers Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803), eines Vorläufers der Sturm-und-Drang-Dichtung. So lehrreich dies war, galt unser Interesse doch einem anderen - berühmt-berüchtigten - Halberstädter: Martin Bormann, dem Chef von Hitlers Parteikanzlei. Die freundliche Stadtführerin antwortete auf unsere Nachfragen mit dem knappen Hinweis, auf diesen Sohn der Stadt könne man unmöglich stolz sein. Hingegen werde an den Ungeist des Faschismus durch den Gedenkort Langenstein-Zwieberge erinnert, einem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Auch die Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Einwohner unter dem Nazi-Regime sei nicht vergessen. Dabei beließ sie es.

Das Schicksal der im Zweiten Weltkrieg vollständig vernichteten jüdischen Einwohnerschaft hätte mehr als nur eine kurze Erwähnung verdient gehabt, besaß die Stadt im Vorland des Harzes doch eine zahlenmäßig relativ starke jüdische Gemeinde, die im 18. Jahrhundert bis zu zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte. Ihr bekanntestes Mitglied Berend Lehmann (1661-1730) wurde Hoffaktor von August dem Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen.

Warum die Erinnerung an die Juden Halberstadts in der DDR aber nur Stückwerk blieb, ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit von Philipp Graf. Der Autor benennt einen "im Vergleich mit den alten Bundesländern im Osten Deutschlands stärker verbreiteten Antisemitismus" und äußert die "Vermutung, dass dieser Befund mit eben jener im 'Arbeiter- und Bauernstaat' einseitig erfolgten Beschäftigung in Beziehung steht" (19). Im Januar 1992 veröffentlichte der Spiegel die Ergebnisse einer Umfrage mit dem Ergebnis, im Gebiet der ehemaligen DDR huldigten vier Prozent der repräsentativ Befragten einem antisemitischen Weltbild, in den alten Bundesländern betrage dieser Anteil 16 Prozent. Über die Ergebnisse der Befragung und ihre Ursachen erfährt man im Buch nichts. Seine These ist vielmehr, die "fortwirkende Unkenntnis" jüdischen Lebens trage in den neuen Bundesländern "bis in die Gegenwart das ihre zu jenem Nährboden bei, der bewirkt, dass antisemitische Ressentiments nicht erkannt, ihnen nur unzureichend entgegengetreten oder schlimmstenfalls reproduziert werden" (19). Dies akzeptiert, bliebe zu fragen, warum nach fast vier Jahrzehnten des Lebens in der Bundesrepublik solche Weltbilder ungebremst fortlebten. Ist dies allein dem schwindenden DDR-Erbe zuzuschreiben? Das Buch gibt darauf keine Antwort.

Die Realität ist jedoch weit komplizierter. Der Autor zeigt die - in der Tat eklatanten - Schwächen eines "verordneten Antifaschismus" ohne eine genügend demokratische Fundierung (23). Die Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands unterdrückte die unmittelbar nach Kriegsende elementar-demokratische Stimmung unter Teilen der Arbeiterklasse, nicht zuletzt unter Kommunisten, die das Freiheitsversprechen des Schwurs von Buchenwald ernst nahmen. Zudem wurden sozialdemokratische und bürgerliche Traditionen des Antifaschismus sukzessive verdrängt. So erstarrte der Antifaschismus mit den Jahren zum parteifrommen Ritual. Dies ging einher mit der verweigerten Rückerstattung jüdischen Eigentums. Die DDR sah sich nicht als Nachfolgestaat des Dritten Reiches und lehnte deshalb jede Restitution ab. Widerspruch, so von Paul Merker und Leo Zuckermann (über den Philipp Graf eine wichtige Biografie verfasst hat), wurde nicht geduldet, Fürsprecher 1952 inhaftiert, falls sie nicht durch Flucht der DDR entkamen.

Wie zeigte sich all dies in Halberstadt, einer Kreisstadt mit knapp 50.000 Einwohnern? Graf beschreibt, wie die DDR-Behörden die Überreste der Synagogen und jüdischen Friedhöfe weitgehend vernachlässigten. Bemühungen Einzelner konnten den Verfall der Bausubstanz nicht stoppen. Ohne kirchliche Initiativen wäre dieser noch weiter vorangeschritten. Graf würdigt die auch in Halberstadt spürbaren Anstrengungen der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum um den Leipziger Pfarrer Siegfried Theodor Arndt. Dieser war in jungen Jahren ein eifriger Nationalsozialist gewesen, hatte sich aber ohne Umschweife später zu dieser Schuld bekannt und sie durch ein immenses Versöhnungs- und Aufklärungswerk so weit wie möglich zu sühnen gesucht. Werner Krusche, Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, in deren Sprengel Halberstadt lag, bekannte 1982 aus Anlass der Einweihung eines Mahnmals für die ermordeten Juden am Halberstädter Dom, "dass die Kirche damals sich nicht neben die Synagoge gestellt hat, dass die Jünger Jesu nicht an der Seite seiner Schwestern und Brüder" standen (144).

Im staatlichen Gedenken seien, so Graf, die jüdischen Opfer des Hitler-Regimes kaum als solche benannt, sondern stets den kommunistischen Kämpfern nachgeordnet gewesen. Ihre religiöse Tradition galt lange Zeit als wenig bewahrenswert. Dennoch gab es, dies sei festgehalten, eine stetige, wenngleich einseitige Vermittlung antifaschistischer Themen, gerade in den Schulen der DDR - weit mehr als in der Bundesrepublik. Das dürfte für die nur vier Prozent Antisemiten im Osten mit verantwortlich gewesen sein, selbst wenn manche der Befragten damals ihre Ressentiments noch verheimlichten. Viele jüdische Überlebende wollten kaum als solche öffentlich erkennbar bleiben: Im Osten saß ihnen die Kampagne des stalinistischen Antisemitismus 1952/53 bis zuletzt in den Gliedern, im Westen mussten sie lange noch alte und neue Nazis fürchten, die von den Gerichten oft milde behandelt wurden. Daran ist zu erinnern, wenn der Autor der bundesdeutschen Gesellschaft einen insgesamt erfolgreichen Lernprozess bescheinigt. Doch traten nach 1990 in Ost und West erschreckende, sich gegenseitig stützende Vorurteile an die Oberfläche - gerade auch in Halberstadt. Die Umfragewerte im Osten näherten sich rasch denen im Westen an.

Ein Kapitel verdrängter Geschichte ist das des Widerstandskämpfers Georg Jungclas (1902-1975), der in Halberstadt geboren wurde. Er war im dänischen Exil an der Rettung von Juden beteiligt und entging, von der Gestapo gefasst, nur durch Verkettung glücklicher Zufälle dem Tod. Jungclas war Trotzkist - so verfiel er in der DDR dem Bann. Die Bundesrepublik verfolgte ihn nicht. Doch tat sie sich mit trotzkistischen Hitlergegnern lange Zeit schwer, und auch Philipp Graf nennt diesen Judenretter nicht. Bis heute erinnert in Halberstadt nichts an ihn.

Mario Keßler