Manik Bajracharya (ed.): Slavery and Unfree Labour in Nepal. Documents from the 18th to Early 20th Century (= Documenta Nepalica; 3), Heidelberg: Heidelberg University Publishing 2022, 308 S., ISBN 978-3-96822-135-9, EUR 52,90
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Manik Bajracharya untersucht die Geschichte der Sklaverei und unfreien Arbeit in Nepal vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert anhand historischer Dokumente, Gesetzestexte und Archivquellen. Ziel ist es, eine Forschungslücke zu schließen, da die Geschichte der Sklaverei in Südasien - insbesondere in Nepal - bislang deutlich weniger untersucht wurde als etwa die transatlantische Sklaverei. Das Buch ist in drei große Teile gegliedert: eine historische Einführung, eine Edition und Übersetzung der Quellen und eine Analyse ausgewählter Paragraphen des unter Jung Bahadur Rana (lebte 1817-1877) im Jahr 1854 erlassenen nepalesischen Gesetzbuches "Mulukī Ain". Es kodifizierte die sozialen Hierarchien Nepals und regelte nahezu alle Aspekte von Sklaverei und unfreier Arbeit. Das Gesetz definierte versklavbare Kasten, regelte den Kauf und Verkauf, bestimmte Preise, legte Strafen fest, kanonisierte Erbrecht und Familienstatus und definierte Rechte von Besitzern und Sklaven. Manik Bajracharya sieht daher im Ain nicht nur ein juristisches Werk, sondern ein Instrument von staatlicher Kontrolle und sozialer Ordnung. Die 51 Dokumente des zweiten Teils, von denen die meisten im Rahmen des Nepal-German Manuscript Preservation Project mikroverfilmt wurden, sind im Laufe der Jahre von Manik Bajracharya oder Axel Michaels im Rahmen der Forschungsstelle "Dokumente zur Religions- und Rechtsgeschichte des vormodernen Nepal" der Heidelberger Akademie der Wissenschaften bearbeitet, übersetzt und in die Datenbank "Documenta Nepalica" [1] der Forschungsstelle eingestellt worden.
Der Verfasser erläutert verschiedene traditionelle Formen der Unfreiheit, die bereits in alten hinduistischen Rechtstexten wie der Manusmṛti und der Nāradasmṛti erwähnt werden. Dazu gehörten: Kriegsgefangene, gekaufte Sklaven, geborene Haussklaven, verschenkte oder vererbte Sklaven, Schuldsklaven oder/und Menschen, die sich aus Hunger selbst verkauften. Kastenzugehörigkeit, Geburt von Sklaveneltern, Strafen für Vergehen, Armut und Verschuldung sowie Kriegsgefangenschaft stellten die fünf Hauptursachen für eine Versklavung dar. Das Kastensystem spielte dabei eine zentrale Rolle. Der "Mulukī Ain" definiert bestimmte Gruppen ausdrücklich als "versklavbare Kasten" (māsinyā jāta). Angehörige dieser Gruppen konnten wegen bestimmter Delikte versklavt werden. Dazu gehörten Diebstahl, sexuelle Beziehungen über Kastengrenzen hinweg, "Verunreinigung" höherer Kasten oder bestimmte moralische oder religiöse Verstöße. Das Brahmanische Reinheitsdenken wurde offenbar bewusst genutzt, um ethnische Minderheiten und untere Kasten sozial zu kontrollieren und wirtschaftlich auszubeuten.
Ein weiterer zentraler Faktor war die Verschuldung bäuerlicher Familien. Viele Bauern besaßen kein eigenes Land und mussten hohe Abgaben zahlen. Konnte eine Familie ihre Schulden nicht zurückzahlen, mussten Familienmitglieder als Schuldsklaven arbeiten. Häufig wurden Kinder oder andere Angehörige als Pfand übergeben. Manik Bajracharya beschreibt den Alltag der Sklaven als extrem hart und demütigend. Die meisten von ihnen arbeiteten in Haushalten, auf Feldern, als Träger, bei Bauarbeiten oder als Diener. Sie konnten jederzeit verkauft, verschenkt oder vererbt werden. Besonders schwer wog der Verlust sozialer Zugehörigkeit, das heißt der Verlust der Familie, der Kaste und damit religiöser und sozialer Rechte. Der Herausgeber spricht in diesem Zusammenhang sicher zu Recht von einem "sozialen Tod" (Orlando Patterson). Zwar gab es einzelne privilegierte Sklaven innerhalb der Herrschaftselite, doch die Mehrheit lebte unter extremer Unsicherheit und Gewalt. Sexualisierte Gewalt gegen weibliche Sklaven war weit verbreitet. Das Gesetzbuch enthält sogar Vorschriften für Fälle schwerster Misshandlung. Gleichzeitig wird aus den Dokumenten deutlich, dass viele Sklaven eng in die Haushalte ihrer Besitzer eingebunden waren. Manche wurden fast wie Familienmitglieder behandelt. Dadurch unterschied sich die nepalesische Sklaverei strukturell tatsächlich von großen Plantagensystemen, blieb aber dennoch ein System massiver Unfreiheit.
Neben privater Sklaverei existierten auch staatliche Zwangsarbeitssysteme. Alle männlichen Untertanen konnten zu unbezahlter Arbeit verpflichtet werden: Straßen- und Brückenbau, Transporte, Militärdienste, Trägerdienste. Diese Arbeitssysteme waren teilweise gesetzlich geregelt. Der "Mulukī Ain" versuchte zwar, Missbrauch einzuschränken, erlaubte staatliche Zwangsarbeit aber weiterhin ausdrücklich.
Sklaverei und Zwangsarbeit waren somit zentrale Bestandteile der nepalesischen Agrarwirtschaft. Die herrschenden Eliten - insbesondere Landbesitzer, Brahmanen und Beamte - profitierten von billiger Arbeitskraft. Menschen wurden gekauft, verkauft, verpfändet, vererbt und verschenkt. Die Preise für Sklaven waren gesetzlich geregelt. Erwachsene männliche Sklaven kosteten laut dem Ain etwa 100 Rupien, Frauen etwas mehr. Es existierte außerdem ein regionaler Sklavenhandel zwischen Nepal und Nordindien.
Besonders während Hungersnöten verkauften Familien ihre Kinder. Die Abschaffung erfolgte schrittweise. Premierminister Deva Shamsher versuchte 1901 erstmals, Sklaven freizulassen. Er emanzipierte hunderte Menschen und verbot den Weiterverkauf von Sklaven, scheiterte aber am Widerstand der Eliten. Der entscheidende Schritt erfolgte unter Premierminister Chandra Shamsher: 1924 hielt er eine berühmte Rede zur Abschaffung der Sklaverei, 1925 wurde Sklaverei schließlich offiziell verboten. Es entstand ein "Slave Emancipation Trust Fund", um Besitzer zu entschädigen und Freilassungen zu finanzieren. Tausende Menschen wurden formal befreit. Allerdings zeigt Manik Bajracharya, dass die Realität schwierig blieb: Viele ehemalige Sklaven hatten kein Land, keine soziale Anerkennung, kaum Arbeitsmöglichkeiten sowie Probleme bei Heirat und Integration. Einige wurden in neu gegründeten Siedlungen angesiedelt, doch diese Projekte scheiterten oft.
Das Buch verdeutlicht eindrücklich, dass Sklaverei in Nepal tief in der sozialen, religiösen und politischen Ordnung verankert war. Sie war eng mit dem Kastensystem, Landbesitz und staatlicher Herrschaft verbunden. Obwohl die nepalesische Form der Sklaverei häufig als "milder" beschrieben wurde als die Plantagensklaverei Amerikas, war sie dennoch grausam, entwürdigend und existenziell zerstörerisch. Im Unterschied zur transatlantischen Sklaverei beruhte die nepalesische Sklaverei weniger auf Massenimporten fremder Menschen, sondern vor allem auf der Versklavung der eigenen Bevölkerung, wobei die meisten Sklaven in Haushalten oder in der Landwirtschaft tätig waren.
Anmerkung:
[1] abrufbar unter: https://nepalica.hadw-bw.de/nepal/editions [zuletzt abgerufen am: 06.05.2026].
Stephan Conermann