Stephan Conermann: Neuere Forschungen zur Sklaverei und zu anderen Formen starker asymmetrischer Abhängigkeit IX: Sklaverei und Zwangsarbeit. Einführung, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
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Von Stephan Conermann
Die Erleichterung war bei uns natürlich groß, als im Mai letzten Jahres entschieden wurde, das Bonner Exzellenzcluster, an dem zu starken asymmetrischen Abhängigkeiten in vergangenen und heutigen Gesellschaften geforscht wird, um weitere sieben Jahre (2026-2031) zu verlängern. Ziel der zweiten Förderphase ist es, Ursachen und Mechanismen zu untersuchen, die zum dauerhaften Fortbestehen dieser Dependenzien beitragen, und damit die historisch fundierte Abhängigkeitsforschung als wichtiges transdisziplinäres Feld in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu verankern.
In diesem FORUM stehen nun verschiedene Praktiken der Zwangsarbeit und ihre Verbindung zu unterschiedlichen Formen der Sklaverei im Zentrum. Juliane Schiel und Christian des Vito fordern vor dem Hintergrund der vier von ihnen in einer special issue des Journal of Global Slavery präsentierten Fälle dazu auf, Sklavereien konsequent als Teil eines umfassenderen Gefüges von Arbeitsbeziehungen zu untersuchen. Dabei hat sich die Forschung zur Sklaverei als Bestandteil nur global zu verstehender Zwangsarbeitsregime bislang fast ausschließlich mit dem transatlantischen Dreieckshandel befasst und den Indischen Ozean und seine Anrainerregionen stark vernachlässigt. Diese Lücke macht uns Richard B. Allen mit dem von ihm herausgegebenen Sammelband wieder bewusst. Es wird nach der Lektüre aber auch deutlich, dass "Sklaverei" gerade in diesem Teil der Welt nur als problematischer Überbegriff für eine ganze Reihe von Formen starker asymmetrischer Abhängigkeiten - wie etwa Schuldknechtschaft - verstanden werden kann. Schuldknechtschaft war, so kann Manik Bajracharya verdeutlichen, auch die am weitesten verbreitete Form starker asymmetrischer Abhängigkeiten im Nepal des 18., 19. und 20. Jahrhunderts. Viele Bauern besaßen kein eigenes Land und mussten hohe Abgaben zahlen. Konnte eine Familie Schulden nicht zurückzahlen, mussten Familienmitglieder als Schuldsklaven arbeiten.
Dass Sklaverei kein einheitliches System darstellt, sondern ein dynamisches Geflecht aus rechtlichen, sozialen und informellen Praktiken, das sich je nach Kontext veränderte, zeigt Paola A. Revilla Orías sehr anschaulich am Beispiel von Zwangsarbeit und Versklavung in der kolonialen Region Charcas (heutiges Bolivien) im 16. und 17. Jahrhundert. Die Probleme, zu einer einheitlichen Definition des Termins "Sklaverei" zu kommen, führen uns Claudia Varella und Manuel Barcia an dem Begriff und der Praxis der coartación im Kuba des 19. Jahrhunderts vor Augen, also an einem rechtlich anerkannten Verfahren, durch das versklavte Menschen ihre eigene Freiheit schrittweise "freikaufen" konnten. Die Versklavten bewegten sich allerdings permanent in einem unsicheren Zwischenraum zwischen Eigentum und Person, Zwangsarbeit und Lohnarbeit, Unfreiheit und Freiheit.
Gerade im US-amerikanischen Kontext wird sehr oft der Zusammenhang von Plantagensklaverei und Kapitalismus diskutiert. So zeigt Alejandra J. Finley am Beispiel der Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft, dass diese durch die konsequente Nutzung einer fortschrittlichen Buchführung sowie von Kreditmechanismen und Marketingstrategien zur Gewinnmaximierung tief in die Entwicklung des modernen Kapitalismus eingebettet war. Und auch Randy M. Browne verweist darauf, dass Plantagen keine rückständigen Systeme waren, sondern hochorganisierte Produktionsstätten. Die Aufseher*innen dienten als frühe Formen industrieller Arbeitsaufsicht und die Logik maximaler Produktivität und permanenter Überwachung erinnere an spätere Fabriksysteme.