Paola A. Revilla OrÃas : Entangled Coercion. African and Indigenous Labour in Charcas (16th-17th Century) (= Work in Global and Historical Perspective; Vol. 9), Berlin: De Gruyter 2021, VI + 317 S., ISBN 978-3-11-068100-0, EUR 81,95
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John Donoghue / Evelyn P. Jennings (eds.): Building the Atlantic Empires. Unfree Labor and Imperial States in the Political Economy of Capitalism, ca. 1500-1914, Leiden / Boston: Brill 2016
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G.H.A. Juynboll: Encyclopedia of Canonical Ḥadīth, Leiden / Boston: Brill 2007
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Das Buch, eine Übersetzung ihres 2020 erschienen Werkes "Coerciones intrincadas: Trabajo africano e indígena en Charcas, Siglos XVI y XVII" (Instituto de Misionología: Itinerarios Editorial, Cochabamba), untersucht Zwangsarbeit und Versklavung in der kolonialen Region Charcas (heutiges Bolivien) im 16. und 17. Jahrhundert. Im Zentrum steht die These, dass Formen von Unfreiheit nicht getrennt nach "afrikanischer Sklaverei" und "indigener Arbeit" verstanden werden können, sondern als miteinander verflochtene Systeme von Herrschaft, Abhängigkeit und sozialer Praxis. Die Autorin kritisiert traditionelle historiographische Ansätze, die Sklaverei vor allem institutionell oder ökonomisch betrachten. Stattdessen betont sie die konkrete Alltagserfahrung der Betroffenen sowie die Vielfalt von Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnissen. Sklaverei erscheint nicht als einheitliches System, sondern als dynamisches Geflecht aus rechtlichen, sozialen und informellen Praktiken, das sich je nach Kontext veränderte. Ein zentrales Argument ist, dass weder "Afrikaner = Sklaven" noch "Indigene = Freie" zutreffende Beschreibungen sind. Auch indigene Bevölkerungsgruppen konnten versklavt oder in Zwangsarbeit gezwungen werden, insbesondere in Grenzregionen oder im Kontext kolonialer Expansion. Gleichzeitig existierten zahlreiche Zwischenformen zwischen Freiheit und Unfreiheit, etwa Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft oder das Yanaconazgo-System der Inka.
Die in elf Kapitel unterteilte Studie konzentriert sich auf die Stadt La Plata (heute Sucre), ein wichtiges politisches, wirtschaftliches und religiöses Zentrum der Kolonie. Diese Region war geprägt von ethnischer Vielfalt und intensiver Mobilität: Afrikaner wurden über transatlantische und inneramerikanische Handelsrouten eingeführt, während indigene Gruppen durch Kolonialpolitik, Kriege und Umsiedlungen bewegt wurden. Dadurch entstand eine komplexe Gesellschaft, in der verschiedene Gruppen miteinander interagierten und voneinander abhängig waren. Ein wichtiger Teil der Analyse betrifft die ideologischen und rechtlichen Rechtfertigungen von Herrschaft. Koloniale Diskurse konstruierten Afrikaner und bestimmte indigene Gruppen als "minderwertig" und legitimierten so ihre Ausbeutung. Diese Zuschreibungen waren jedoch nicht statisch, sondern wurden im Alltag ausgehandelt und teilweise unterlaufen.
In ökonomischer Hinsicht zeigt das Buch, dass Menschen wie Waren behandelt wurden. Preise für Versklavte variierten nach Geschlecht, Alter, Herkunft und Fähigkeiten. Gleichzeitig waren nicht nur Europäer am Sklavenhandel beteiligt: Auch Indigene und Afro-Nachkommen konnten selbst Besitzer von Sklaven oder Dienern sein. Dies verdeutlicht, dass Herrschaftsverhältnisse nicht strikt entlang ethnischer Linien verliefen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Lebensbedingungen der Betroffenen. Körperliche Gewalt, Kontrolle von Raum und Zeit sowie Drohungen wie Verbannung prägten den Alltag. Gleichzeitig existierten paternalistische Strukturen, in denen Herren sich als "Väter" darstellten, was Abhängigkeit ideologisch stabilisierte.
Dennoch entwickelten die Unterworfenen eigene Strategien, um Handlungsspielräume zu gewinnen. Das Buch zeigt vielfältige Formen von Widerstand und Autonomie. Dazu gehörten Flucht, Aushandlung von Arbeitsbedingungen, Aufbau sozialer Netzwerke und wirtschaftliche Aktivitäten. Besonders wichtig war das Konzept des peculium (Eigenvermögen), das es Versklavten ermöglichte, Geld anzusparen und ihre Freiheit zu erkaufen. Auch familiäre und soziale Beziehungen spielten eine zentrale Rolle bei der Erlangung von Freiheit. Freilassung wird als komplexer sozialer Prozess beschrieben, der oft von persönlichen Beziehungen, Verhandlungen und Bedingungen abhängig war. Freiheit war kein klarer Endzustand, sondern musste ständig behauptet und sozial abgesichert werden. Ein weiterer innovativer Beitrag des Buches liegt in der Analyse sozialer Identitäten. Kategorien wie Ethnie oder Herkunft wurden im Alltag neu definiert und waren nicht festgelegt. Durch Arbeit, Mobilität und soziale Beziehungen konnten Individuen ihre Position verändern und neue Identitäten entwickeln.
Abschließend argumentiert Paola Revilla Orías, dass koloniale Gesellschaften nicht allein durch starre Hierarchien geprägt waren, sondern durch ein dynamisches Zusammenspiel von Macht, Anpassung und Aushandlung. Die Geschichte von Arbeit und Zwang müsse daher als globales und relationales Phänomen verstanden werden, das lokale Besonderheiten ebenso berücksichtigt wie übergreifende Strukturen. Insgesamt bietet das Werk eine differenzierte Perspektive auf koloniale Arbeitsverhältnisse und zeigt, dass Zwang, Abhängigkeit und Freiheit nicht als Gegensätze, sondern als miteinander verflochtene Prozesse zu begreifen sind.
Stephan Conermann