Peter Seibert: Die Niederschlagung des Bauernkriegs 1525. Beginn einer deutschen Gewaltgeschichte, Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. 2025, 304 S., 15 s/w-Abb., ISBN 978-3-8012-0691-8, EUR 26,00
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Nach der Gewalt im Bauernkrieg und ihren Ursachen zu fragen, hat im Rahmen der Publikationen und Tagungen rund um das Bauernkriegsjubiläum eine gewisse Konjunktur gewonnen. Tatsächlich sind wichtige Aspekte erst in Ansätzen geklärt, etwa die Frage nach der Dosierung und Zielgerichtetheit bäuerlicher Gewaltanwendung, nach Momenten der Eskalation insbesondere auf der Seite der Obrigkeiten sowie schließlich auch nach der Rolle von Strafaktionen im Nachgang der Ereignisse.
Das eher an ein allgemeineres Publikum als speziell an die Forschung gerichtete Buch von Peter Seibert setzt an bei einer kritischen Durchsicht der bisherigen Forschung. Es bietet dabei nicht unbedingt neue Einsichten oder neues Quellenmaterial, aber doch eine pointierte Zusammenfassung, gerade auch im Hinblick auf die noch bis in die jüngste Zeit durch die Darstellung von Günther Franz geprägte Forschung. Dass Franz selbst mehr als nur "minderbelastet" von NS-Ideologie und aktiver Mittäterschaft war, ist inzwischen bekannt, darf aber im Hinblick auf die Abhängigkeit der Forschung von seinen Arbeiten zum Bauernkrieg durchaus gelegentlich noch einmal in Erinnerung gerufen werden.
Seibert beginnt zunächst ganz klassisch mit einer kurzen Darstellung der Ausgangssituation am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, ohne freilich die sozialen und ökonomischen Veränderungen und namentlich auch die religiösen Verwerfungen zu erklären. Etwas ausführlicher werden nur die medialen Umbrüche durch den Buchdruck beschrieben. Der Beginn des Konflikts wird faktisch ohne Rekurs auf die Reformation dargestellt, Religion taucht nur im Kontext der Zwölf Artikel kurz auf. Die Memminger Versammlung der Delegierten dreier Bauernhaufen, die Zwölf Artikel, die Vorbereitungen zum Heilbronner "Bauernparlament" werden geradezu als modern anmutende demokratische Akte skizziert. Was dann folgt, ist eine Geschichte des Bauernkriegs anhand der wichtigsten Schlachten und einer Aufrechnung der Verluste. Im Anschluss wird dann die Frage nach der "Betrauerbarkeit" (Judith Butler) der zahlreichen (wohl an die 100.000) Toten des Bauernkriegs gestellt und versucht, die mentalen Haltungen zum Aufstand in den Blick zu nehmen. Insbesondere Luthers Schriften werden hier herangezogen, um die Bereitschaft zur Gewalt anzuprangern. Die Gewaltakte nach der Niederschlagung der Aufstände bilden einen weiteren ausführlichen Abschnitt. Schließlich werden auch die Gewalterfahrungen von Frauen ausführlich thematisiert, ein Thema, das zweifellos in der aktuellen Forschung noch zu wenig systematische Aufmerksamkeit erhalten hat. Flucht und Vertreibung, Wiederherstellung der Ordnung und schließlich die Erinnerungskultur bilden dann den Abschluss des Bandes.
Seiberts Buch hat eine klare Botschaft: Es soll eine Re-Lektüre sein, die vor allem auf die obrigkeitliche Gewalt schaut, ja sogar eine "Anklage [...] gegen die Herren in Deutschland, die bereits vor 500 Jahren die Möglichkeit einer besseren, demokratischeren deutschen Geschichte durch blutige Unterdrückung verhindert haben" (88). Im Zentrum steht eine "traumatische Katastrophe" mit ihren Langzeitwirkungen. "Was nach der katastrophalen Niederlage der Bauern kommt, ist der Untertanenstaat schlimmster Prägung. Gefordert werden ab jetzt Gehorsam und Treue als höchste Ideale in deutschen Landen. Die Brutalität der Herrschenden findet viele historische Fortsetzungen und gipfelt schließlich im deutschen Faschismus." (17f.) Dass diese Interpretation historisch nicht haltbar ist, bedarf eigentlich kaum der Erörterung. Nicht nur weil der Bauernkrieg wohl kaum als "Beginn einer deutschen Gewaltgeschichte" (so der Untertitel des Buchs) gelten kann, sondern selbstredend auch vorher Gehorsam von den Untertanen eingefordert wurde, notfalls auch mit Gewalt. Sondern auch, weil Seibert übersieht, dass die gewaltsame Niederschlagung von Revolten keineswegs ein mitteleuropäisches oder "deutsches" Phänomen war, sondern sich genauso überall sonst in Europa finden lässt. In der Forschung ist im Gegenteil immer wieder argumentiert worden, dass gerade im römisch-deutschen Reich in der Folge des Bauernkriegs Entwicklungen einsetzten, die eine Verrechtlichung bäuerlich-grundherrlicher Konflikte ermöglichten (Winfried Schulze). Generell hat die Forschung die vielfältigen Aushandlungsprozesse von Herrschaft im 16. und 17. Jahrhundert in den Mittelpunkt gerückt. Zudem wird man wohl differenzieren müssen zwischen den größeren Flächenstaaten, die zum Teil vom Bauernkrieg gar nicht betroffen waren (Bayern oder Brandenburg etwa) und den vielen kleinen Territorien im Reich, in denen sich ein bürokratischer Obrigkeitsstaat ohnehin höchstens in Ansätzen durchsetzen konnte. Die Konstruktion einer geraden Linie zur Schreckensherrschaft und Vernichtungspolitik der NS-Zeit ist nicht nur eine grobe Vereinfachung, sondern schlicht ahistorisch.
Hinzu kommt ein weiterer grundsätzlicher Einwand: Seibert neigt - wie viele andere Arbeiten zum Bauernkrieg - dazu, die Aufständischen einseitig als Vorkämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit zu heroisieren. Das ist historisch fragwürdig, zumal wenn man bedenkt, dass Wahl und Konsensfindung in dörflichen, städtischen und sogar militärischen (Landsknechte) Kontexten eingeübt waren und einen festen Bestandteil der vormodernen Lebenswelten darstellten, ohne dass damit moderne demokratische Verfahren impliziert sind. Dass - mit regionalen Unterschieden - reformatorische Impulse mit zum Teil nach heutigen Maßstäben wohl "fundamentalistischen" Ausprägungen zum Tragen kamen, Bilderstürme und sogar Judenpogrome mit den Aktivitäten der Bauernhaufen einhergingen, lässt eine Heroisierung der Bauern als "Freiheitshelden" zusätzlich fragwürdig erscheinen.
Bei allem Verständnis dafür, auch angesichts aktueller Verschärfungen sozialer Gegensätze den Anliegen der Bauern von 1525 mit Sympathie zu begegnen, muss Seiberts Darstellung eben doch auch als Beleg dafür angesehen werden, wie problematisch es ist, die Vergangenheit allzu ungebrochen in die politischen Horizonte der Gegenwart einzuspeisen. Der Geschichte wird man damit zumeist nicht gerecht.
Ulrich Niggemann