Tâmis Parron: Slavery in Capitalism. A Deep History (= Elements in Ancient and Pre-modern Economies), Cambridge: Cambridge University Press 2026, 94 S., ISBN 978-1-009-46502-1, GBP 55,00
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Ralph Kauz: Politik und Handel zwischen Ming und Timuriden. China, Iran und Zentralasien im Spätmittelalter, Wiesbaden: Reichert Verlag 2005
Christian Mauder: Gelehrte Krieger. Die Mamluken als Träger arabischsprachiger Bildung nach al-Ṣafadī, al-Maqrīzī und weiteren Quellen, Hildesheim: Olms 2012
Folker Reichert: Asien und Europa im Mittelalter. Studien zur Geschichte des Reisens, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014
Tâmis Parrons in der prominenten Cambrige Elements-Reihe veröffentliche Studie verfolgt das Ziel, die Geschichte der Sklaverei grundlegend neu zu interpretieren und zugleich die Beziehung zwischen Sklaverei und Kapitalismus aus einer globalhistorischen und anthropologischen Perspektive neu zu bestimmen. Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist die Beobachtung, dass die historische Forschung von zwei gegensätzlichen Deutungsmustern geprägt wird, die beide den historischen Zusammenhang der Sklaverei verkürzen. Auf der einen Seite steht die Auffassung, die moderne Sklaverei beginne mit der europäischen Expansion und dem transatlantischen Sklavenhandel des 15. und 16. Jahrhunderts und sei damit ein ausschließlich modernes Phänomen. Auf der anderen Seite findet sich die Annahme, Sklaverei sei eine universelle Institution, die seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte nahezu unverändert existiere. Parron weist beide Positionen zurück. Stattdessen entwickelt er das Konzept einer "deep history" der Sklaverei. Die atlantische Plantagensklaverei wird dabei weder als vollständiger Bruch mit früheren Formen noch als bloße Fortsetzung antiker Sklaverei verstanden, sondern als Ergebnis einer jahrtausendelangen historischen Entwicklung, in der unterschiedliche Formen von Entrechtung, Gewalt und ökonomischer Nutzung menschlicher Arbeitskraft miteinander verschmolzen.
Zunächst ("The Economy of Slavery: Theory and History", 1-14) setzt sich Parron mit den wichtigsten theoretischen Ansätzen der Sklavereiforschung auseinander. Er beginnt mit Thomas Clarkson, dessen 1788 veröffentlichter Essay den Grundstein der modernen Sklavereitheorie legte. [1] Clarkson vertrat die Auffassung, Sklaverei sei eine universelle Institution, deren Kern darin bestehe, Menschen in Eigentum zu verwandeln und sie dadurch ihres sozialen und rechtlichen Status zu berauben. Diese Vorstellung prägte spätere Forschungen nachhaltig. Anschließend diskutiert Parron Jeremias Herman Nieboers ökonomische Theorie der Sklaverei, die später durch Evsey Domar weiterentwickelt wurde. [2] Nach der sogenannten Nieboer-Domar-These entsteht Sklaverei dort, wo Land reichlich vorhanden ist, Arbeitskräfte jedoch knapp sind. In solchen Situationen sei Zwangsarbeit wirtschaftlich rational, da freie Arbeitskräfte jederzeit auf verfügbares Land ausweichen könnten. Parron erkennt an, dass diese Theorie wichtige Aspekte insbesondere der amerikanischen Plantagenwirtschaft erklärt, kritisiert jedoch ihre ahistorische Verallgemeinerung. Kategorien wie Eigentum, Kapital oder Arbeit würden unabhängig von ihren historischen Bedeutungsverschiebungen behandelt und dadurch zu zeitlosen Konstanten erklärt.
Als zweiten zentralen Theorieansatz untersucht Parron Orlando Pattersons Konzept des "social death". [3] Patterson definiert Sklaverei nicht primär über Eigentumsverhältnisse, sondern über den Zustand vollständiger sozialer Entwurzelung. Versklavte Menschen verlieren ihre Herkunft, ihre sozialen Bindungen, ihre rechtliche Handlungsfähigkeit und ihren Platz innerhalb einer Gemeinschaft. Sklaverei erscheint damit als dauerhafte Form extremer Herrschaft. Parron würdigt diese Perspektive, bemängelt jedoch, dass sie die historische Veränderbarkeit der Institution unterschätzt. Schließlich diskutiert er den anthropologischen Ansatz von Suzanne Miers und Igor Kopytoff. [4] Diese Autoren betrachten Sklaverei als Teil allgemeiner Prozesse gesellschaftlicher Integration und Ausgrenzung. Menschen verlieren ihre Rechte durch Krieg, Verschuldung, Heirat, Adoption oder Bestrafung und werden dadurch in neue soziale Ordnungen integriert. Parron übernimmt aus dieser Theorie insbesondere die Einsicht, dass Prozesse der Entrechtung lange vor der Entstehung eigentlicher Sklavensysteme existierten. Gleichzeitig lehnt er die Vorstellung ab, Sklaverei lasse sich vollständig aus Verwandtschaftsbeziehungen erklären.
Aus der Kritik dieser Ansätze entwickelt Parron sein eigenes theoretisches Modell. Anstatt nach einer allgemeingültigen Definition von Sklaverei zu suchen, schlägt er vor, sie als historisch geschichtete Institution zu verstehen. Er unterscheidet drei übereinanderliegende historische Ebenen. Die älteste Schicht besteht aus anthropologischen Praktiken der Entrechtung, die bis in die frühesten menschlichen Gesellschaften zurückreichen. Dazu gehören Gefangennahme, Menschenraub, Schuldknechtschaft, Krieg oder familiäre Gewaltverhältnisse. Diese Praktiken bilden die elementaren Voraussetzungen späterer Sklaverei, sind mit ihr jedoch nicht identisch. Die zweite Schicht entsteht im Mittelmeerraum mit der Ausbildung staatlicher Herrschaft und weitreichender Handelsnetzwerke. Erst hier verbinden sich Krieg, Eigentumsrecht, Fernhandel und politische Herrschaft zu einem dauerhaft funktionierenden System organisierter Versklavung. Die dritte Schicht bildet schließlich der Kapitalismus. Zwischen dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit werden ältere Formen der Menschenversklavung mit kapitalistischen Produktions- und Marktmechanismen verknüpft. Menschen werden nun nicht nur Eigentum ihrer Besitzer, sondern zugleich Investitionsobjekte und produktives Kapital innerhalb einer expandierenden Weltwirtschaft.
Im zweiten Kapitel ("The Greater Mediterranea as a World Region of Slavery", 14-24) beschreibt Parron den Mittelmeerraum als erste eigentliche Weltregion organisierter Sklaverei. Aufbauend auf Fernand Braudels Vorstellung des Mittelmeers als "flüssiger Ebene" zeigt er, dass sich hier über mehr als zwei Jahrtausende hinweg Handel, Krieg und staatliche Expansion gegenseitig verstärkten. Die antiken Staaten schränkten zwar innerhalb ihrer eigenen Gesellschaften bestimmte Formen der Versklavung ein, etwa die Schuldknechtschaft freier Bürger, erzeugten aber gleichzeitig ständig neue Sklaven durch Eroberungskriege und den Import versklavter Menschen aus den Randgebieten ihrer Herrschaft. Der Staat schützte somit seine eigenen Mitglieder, verlagerte die Gewalt jedoch nach außen. Die antiken Mittelmeerreiche entwickelten dadurch ein dauerhaftes System, in dem politische Expansion und wirtschaftliche Nachfrage nach Arbeitskräften eng miteinander verbunden waren. Eine entscheidende Veränderung bringt nach Parron die Ausbreitung der monotheistischen Religionen. Sowohl das Christentum als auch der Islam entwickelten Normen, nach denen Glaubensgenossen grundsätzlich nicht versklavt werden sollten. Dadurch verschob sich die Gewinnung neuer Sklaven zunehmend an die Außengrenzen der jeweiligen Religionsgemeinschaften. Gleichzeitig entstanden zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert weitreichende Handelsnetzwerke, die Europa, Nordafrika, Zentralasien und den Nahen Osten miteinander verbanden. Insbesondere die islamische Welt entwickelte ein ausgedehntes Netz von Sklavenmärkten, das Menschen aus Osteuropa, Zentralasien, dem Schwarzmeerraum und Afrika zusammenführte. Der Mittelmeerraum wurde so zum größten zusammenhängenden Versklavungsraum der vormodernen Welt. Dabei betont Parron, dass diese Entwicklung keineswegs einen Bruch mit älteren Praktiken darstellte, sondern vielmehr deren Ausweitung auf einen erheblich größeren geographischen Maßstab.
In dem nächsten Abschnitt ("From the Mediterranea to the Atlantic: Capital and Slavery", 24-33) verfolgt Parron den Übergang vom Mittelmeer zum Atlantik. Entgegen älteren Interpretationen versteht er die europäische Expansion nicht als Beginn völlig neuer Formen der Sklaverei. Vielmehr übernahmen insbesondere Portugal und Spanien zahlreiche mediterrane Institutionen und Praktiken. Dazu gehörten die rechtliche Konstruktion von Eigentum an Menschen, Formen der Handelsfinanzierung sowie religiöse Legitimationen der Versklavung. Neu war jedoch die Verbindung dieser älteren Strukturen mit kolonialer Expansion und kapitalistischer Weltmarktproduktion. Die Eroberung Amerikas eröffnete riesige Landflächen, deren wirtschaftliche Nutzung ohne große Mengen versklavter Arbeitskräfte kaum möglich gewesen wäre. Afrikanische Sklaven wurden deshalb zur zentralen Arbeitskraft in den Plantagenwirtschaften der Neuen Welt. Parron beschreibt diesen Prozess als Verschmelzung älterer mediterraner Sklavensysteme mit den Anforderungen eines expandierenden kapitalistischen Weltsystems.
"The Atlantic Slave Trade: A Calculating and Incalculable Machine", 22-48) analysiert dann den transatlantischen Sklavenhandel als hochkomplexes ökonomisches System. Parron bezeichnet ihn als "calculating and incalculable machine". Einerseits beruhte der Sklavenhandel auf präzisen Kalkulationen von Preisen, Versicherungen, Krediten und Renditen. Menschen wurden wie andere Handelsgüter bewertet, finanziert und versichert. Andererseits blieb das System von Faktoren geprägt, die sich ökonomischer Berechnung entzogen: Gewalt, Krankheiten, Hunger, Widerstand, Flucht und Tod. Gerade diese Verbindung von rationaler Kalkulation und extremer Gewalt macht für Parron den Charakter des atlantischen Sklavenhandels aus. Zugleich betont er, dass die eigentliche Versklavung keineswegs erst an der afrikanischen Küste begann. Bereits innerhalb afrikanischer Gesellschaften wurden Menschen durch Kriege, politische Konflikte oder bestehende Formen der Entrechtung in die Handelsnetzwerke eingespeist. Auch hier zeigt sich somit die Überlagerung älterer sozialer Strukturen mit den Dynamiken kapitalistischer Märkte.
Das Ende der Sklaverei behandelt Parron im folgenden Teil seiner Abhandlung. ("Industrial Capital and the Fall of Slavery", 48-64) Er wendet sich sowohl gegen moralische Fortschrittserzählungen als auch gegen einfache ökonomische Erklärungen. Weder die Humanität der europäischen Aufklärung noch die bloße Überlegenheit freier Lohnarbeit hätten die Abschaffung der Sklaverei bewirkt. Vielmehr sei deren Ende Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Faktoren gewesen. Dazu gehörten die industrielle Revolution, neue Investitionsmöglichkeiten, Veränderungen der Weltmärkte, politische Konflikte innerhalb der Kolonialreiche, der organisierte Widerstand der Versklavten selbst sowie die abolitionistischen Bewegungen. Mit der Industrialisierung gewann flexible Lohnarbeit zunehmend an Bedeutung, wodurch großflächige Plantagensklaverei ihre wirtschaftliche Vorrangstellung verlor. Gleichzeitig delegitimierten politische Kämpfe und soziale Bewegungen die Institution zunehmend. Parron betont deshalb, dass wirtschaftliche, politische und soziale Prozesse untrennbar miteinander verflochten waren.
Der sechste Abschnitt ("Why Is It So Hard to Think about Slavery Historically?", 64-74) ist dann den erkenntnistheoretischen Problemen der Sklavereiforschung gewidmet. Parron kritisiert insbesondere moderne Fortschrittsvorstellungen, die Geschichte als linearen Übergang von Unfreiheit zu Freiheit verstehen. Solche Deutungen führten dazu, Sklaverei entweder als primitive Vorstufe moderner Gesellschaften oder als einmaliges Verbrechen der Neuzeit zu interpretieren. Beide Perspektiven verdeckten jedoch die tatsächliche historische Vielschichtigkeit der Institution. Stattdessen plädiert Parron für ein Denken in unterschiedlichen historischen Zeitschichten. Gesellschaftliche Institutionen verschwinden nicht vollständig, sondern wirken in veränderter Form fort. Moderne Sklaverei enthält deshalb Elemente, deren Ursprünge weit vor der Entstehung des Kapitalismus liegen.
Im abschließenden Kapitel ("Slavery Today: In the Close Present, so Old", 74-80) über gegenwärtige Formen der Sklaverei setzt sich Parron mit dem Begriff der "modernen Sklaverei" auseinander. Er lehnt diesen Begriff nicht grundsätzlich ab, warnt jedoch vor einer unreflektierten Gleichsetzung heutiger Zwangsarbeitsverhältnisse mit der Plantagensklaverei des 18. und 19. Jahrhunderts. Zeitgenössische Phänomene wie Menschenhandel, Schuldknechtschaft, sexuelle Ausbeutung oder Zwangsarbeit beruhen auf anderen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Dennoch bestehen grundlegende Kontinuitäten fort. Auch heutige Formen extremer Ausbeutung zeichnen sich durch Entrechtung, soziale Entwurzelung und weitgehende Verfügungsgewalt über Menschen aus. Wer diese Erscheinungen verstehen wolle, müsse ihre lange historische Entwicklung berücksichtigen.
Insgesamt entwickelt Parron eine sehr interessante Interpretation der Geschichte der Sklaverei. Sein zentrales Argument lautet, dass kapitalistische Sklaverei weder isoliert aus dem Kapitalismus noch aus einer zeitlosen menschlichen Neigung zur Gewalt erklärt werden kann. Sie entstand vielmehr durch die Überlagerung anthropologischer Praktiken der Entrechtung, mediterraner Handels- und Herrschaftsstrukturen sowie kapitalistischer Produktions- und Marktmechanismen. Die Geschichte der Sklaverei ist deshalb keine lineare Entwicklung, sondern eine Geschichte sich überlagernder historischer Schichten. Gerade diese Perspektive ermöglicht es nach Parron, sowohl die Entstehung der atlantischen Plantagensklaverei als auch ihre Abschaffung und ihre Nachwirkungen bis in die Gegenwart als Teil einer langen globalen Geschichte von Gewalt, Herrschaft und wirtschaftlicher Transformation zu verstehen.
Anmerkungen:
[1] T. Clarkson: An Essay on the Slavery and Commerce of the Human Species, Particularly in the African, London: J. Phillips 1788.
[2] H. Nieboer: Slavery as an Industrial System: Ethnological Researches, Hague: Martinius Nijhoff 1900; E. Domar: The Causes of Slavery or Serfdom: A Hypothesis, in: Journal of Economic History 30 (1970) 18-32.
[3] O. Patterson: Slavery and Social Death: A Comparative Study, Cambridge, MA: Harvard University Press 1982.
[4] S. Miers / I. Kopytoff: African Slavery as an Institution of Marginality, in: id. (eds.): Slavery in Africa: Historical and Anthropological Perspectives, Madison: University of Wisconson Press 1977, 1-81.
Stephan Conermann