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Stephan Conermann: Neuere Forschungen zur Sklaverei und zu anderen Formen starker asymmetrischer Abhängigkeit X: Wichtige Neuerscheinungen zur Geschichte der Sklaverei. Einführung, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
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Neuere Forschungen zur Sklaverei und zu anderen Formen starker asymmetrischer Abhängigkeit X: Wichtige Neuerscheinungen zur Geschichte der Sklaverei

Einführung

Von Stephan Conermann

Unter den vielen Neuerscheinungen zum Thema "Sklaverei" eine Auswahl für ein kompaktes FORUM zu treffen, ist natürlich eine schwierige Aufgabe. Wir haben uns ganz bewusst für die hier versammelten Werke entschieden, da sie zum einen einen repräsentativen Ausschnitt des Forschungsfeldes liefern und zum anderen die Breite des Gegenstandes abdecken.

Robert Aldrich und Andreas Stucki bieten uns, quasi als Rahmen, eine überzeugende, chronologisch geordnete Gesamtdarstellung des europäischen Kolonialismus vom späten 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Sie betrachten diese Geschichte von Macht und Herrschaft, die sie mit zahlreichen interessanten Fallstudien anreichern, als unabgeschlossen und als einen Prozess mit offenem Ausgang. Europäischer Kolonialismus und verschiedene Formen der Sklaverei gingen bekanntermaßen seit dem 16. Jahrhundert Hand in Hand. In der historischen Rückschau haben sich bei der Beschreibung dieser unheiligen Allianz zwei Ansätze herausgebildet. Auf der einen Seite steht der Versuch, das Phänomen menschheitsgeschichtlich zu interpretieren und als einen Teil der permanenten Ausbeutung der Arbeitskraft von Menschen durch Menschen anzusehen. Auf der anderen Seite beschränkt man sich auf den transatlantischen Dreieckshandel. Tâmis Parron hat sich beispielsweise für diese Perspektive entschieden, wobei er anthropologische Praktiken der Entrechtung, die Ausbildung staatlicher Herrschaft und überregionaler Handelsnetzwerke und kapitalistische Produktions- und Marktmechanismen als miteinander verbundene und sich überlagernde Schichten einer komplexen und nicht linearen Entwicklung ansieht.

Die andere Variante, nämlich die separate Betrachtung der mit den europäischen Kolonialmächten verbundenen transatlantische Sklaverei, bildet bei weitem die Mehrheit zusammenfassender Überblickswerke. Eine ganze Reihe von Wissenschaftler*innen konzentriert sich zudem auf englischsprachige Territorien, d.h. auf die britischen Gebiete und die Vereinigten Staaten von Amerika. Diese Forschungsrichtung hat herausragende Forscher*innen wie David Eltis hervorgebracht, der nun in seinem neuesten Buch eine Synthese seiner langjährigen federführenden Beschäftigung mit der weithin bekannten Slave-Voyages-Website (www.slavevoyages.org) vorlegt. Das ist selbstverständlich sehr informativ, doch letztlich eben auch einseitig.

Vor diesem Hintergrund muss man dankbar sein für die jüngst erschienene umfassende Studie zur Sklaverei in den Amerikas von Ana Lucia Araujo. Die Verfasserin richtet den Fokus auf Brasilien und betont zudem die wichtige Rolle Westafrikas und West-Zentralafrikas bei dem Handel mit versklavten Personen. Es gelingt ihr, aus sehr sperrigem Quellenmaterial entlang zahlreicher gut ausgewählter Falleispiele die transatlantische Sklavereigeschichte aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Die zentrale Rolle, die afrikanischer Gesellschaften in der Geschichte des Handel mit versklavten Personen spielten, wird zunehmend zum Gegenstand der Forschung. Einen Meilenstein stellt ein von Marie-Pierre Ballarin und Klara Boyer-Rossol herausgegebener Sammelband dar, der sehr fundierte Aufsätze von Historiker*innen, Anthropolog*innen, Soziolog*innen und Kulturwissenschaftler*innen vereint. Vor allem aber ist es hier gelungen, den üblichen Kreis europäischer und anglo-amerikanischer Beiträger*innen um zahlreiche afrikanische Kolleg*innen zu erweitern.

Dass Afrika, die Amerikas und der Indische Ozean zusammen betrachtet werden müssen, wenn es um eine angemessene Interpretation der global verflochtenen Geschichte von Sklaverei, Emanzipation und Kapitalismus geht, ist auch das Anliegen von Dale W. Tomich und Paul Lovejoy. In dem von ihnen verantworteten Sammelband konzentrieren sie sich auf das Phänomen der "Second Slavery" im 19. Jahrhundert. Weder die Abolitionsbewegungen noch die Expansion des Kapitalismus ging mit einem Niedergang der Sklaverei einher, ganz im Gegenteil. Und bemerkenswerterweise agiert Afrika, so das Fazit des Werks, nicht als passiver Lieferant von Arbeitskräften, sondern als aktiver Akteur globaler wirtschaftlicher und politischer Transformationen.

Das Thema der afrikanischen Sklavereisysteme ĂĽberschneidet sich natĂĽrlich mit der Stellung von Sklav*innen und dem Handel mit diesen Personen in islamisch geprägten Gesellschaften. Da es hierzu - auĂźer zum Osmanischen Reich - bisher nur wenige Ăśbersichtsarbeiten gibt, freuen wir uns ĂĽber die lesenswerte Gesamtschau aus der Feder des Journalisten und Reiseschriftstellers Justin Marozzi. Marozzi behandelt zwar in erster Linie die arabische Welt, aber sein Versuch, möglichst viele Stimmen der betroffenen Personengruppe einzufangen, macht das Buch sehr anschaulich und lesenswert. Da es allerdings einen eher unakademischen Zugang repräsentiert, bleibt noch sehr viel fĂĽr die professionellen Islamwissenschaftler*innen zu tun. Man kann bis hierhin erkennen, dass eine Globalgeschichte der Sklaverei (und anderer Formen starker asymmetrischer Abhängigkeiten) insbesondere seit dem 16. Jahrhundert unbedingt eine Verflechtungsgeschichte sein muss, die die Räume des transatlantischen Sklavenhandels (Westafrika, die Amerikas und Europa) mit dem ĂĽbrigen Afrika, der islamischen Welt und dem Indischen Ozean verknĂĽpft. Hinzu kommen noch die zentralasiatischen Gebiete, in denen, wie die Beiträge in Felicia Roşus Band mit Bezug auf die Schwarzmeerregion verdeutlichen, Millionen Menschen von Versklavung, Gefangenschaft und Lösegeldsystemen betroffen waren.

Dass materielle Kultur und visuelle Repräsentationen keine nebensächlichen Ergänzungen historischer Forschung sind, sondern zentrale Quellen zum Verständnis kolonialer Macht, unterstreicht schließlich die ausgezeichnete, umfangreiche Publikation der drei Kolleginnen Ana Lucia Araujo, Klara Boyer-Rossol und Myriam Cottias. Die 17 Beiträge thematisieren anschaulich, wie Sklavereien durch Bilder, Objekte und archäologische Funde visualisiert, erinnert und ideologisiert wurden. Es wird deutlich, dass versklavte Personen nicht allein Objekte kolonialer Herrschaft waren. Vielmehr erkennen wir Akteure mit eigenen kulturellen Strategien, ästhetischen Praktiken und Wissensformen.

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