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Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933-1945, 3. Aufl., Frankfurt a.M.: S. Fischer 2025, 762 S., ISBN 978-3-10-397364-8, EUR 34,00
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Rezension von:
Hans Joachim Teichler
Potsdam
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Hans Joachim Teichler: Rezension von: Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933-1945, 3. Aufl., Frankfurt a.M.: S. Fischer 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/05/41231.html


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Götz Aly: Wie konnte das geschehen?

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Quasi als Zusammenfassung seines Lebenswerks geht Götz Aly der Frage nach, aus welchen Gründen "sich seit 1932/33 viele Zehnmillionen Deutsche für Adolf Hitler begeisterten, der in allen Wahlkämpfen versprochen hatte, als Erstes die republikanische Verfassung zu zerstören? Wie gelang es der von ihm geführten Regierung von 1933 an, die vielen Skeptiker in den Zustand halbwegs zufriedener Passivität und später in die Regungslosigkeit zu versetzen? Wie wurden so viele Deutsche in den folgenden Jahren zu aktiven, gefügigen oder stillen Mitmachern, zu Ideengebern, Organisatoren, Helfershelfern und Vollstreckern des Massenmordens? Warum kämpften Millionen deutscher Soldaten bis zum letzten Tag, obwohl der Sieg längst unmöglich geworden war." (11) In seiner auf eine außergewöhnlich breiten Quellen- und Literaturbasis gestützten Gesamtdarstellung verknüpft Aly in virtuoser Weise Alltags-, Kultur- und Sozialgeschichte. Er illustriert seine bekannten Thesen von der sozialen Umarmungsstrategie der Anfangsjahre oft mit Zitaten aus veröffentlichten und unveröffentlichten Tagebüchern und wechselt dabei gekonnt von der Mikro- in die Makroebene des Geschehens.

Seine zugespitzte These, es habe "kein genuin nationalsozialistischer Antisemitismus existiert" (19), weil dieser eher pragmatisch zur Befriedigung von Aufstiegsmöglichkeiten und zur Aneignung des jüdischen Vermögens zugunsten des Reiches genutzt wurde, sowie die angebliche Entwicklung zu einem "totalitären Sozialkapitalismus" (228) sollen hier nicht weiter diskutiert werden. Gleiches gilt für seine Verharmlosung des Straßenterrors von SA und SS in den Jahren 1933/34: "Dabei ist der nur punktuelle, wohldosierte [sic!] und fürs Erste bald nachlassende Terror zu berücksichtigen." (18)

Diese Thesen und Fragen stießen auf ein großes Interesse. Schon im Jahr der Erstpublikation 2025 musste eine dritte Auflage gedruckt werden; das Buch stand mehrere Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Im Folgenden soll es dagegen um eine Stellungnahme aus sporthistorischer Sicht gehen. Denn auf den 762 Seiten taucht das Thema Sport nicht auf, sieht man von nebensächlichen Erwähnungen einmal ab. In Kapitel IV "Im Friedensglück dem Krieg entgegen" werden zwar die Olympischen Spiele 1936 erwähnt: "Äußerlich verliefen die Jahre 1935 bis 1937 für die meisten Deutschen als die friedlichsten der Hitlerzeit. Bei den Olympischen Winter- und Sommerspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen und Berlin bewunderte die Welt Tatkraft, Organisationstalent und Sportgeist der Deutschen. Kein einziger Staat boykottierte die Spiele." (171) Dabei aber bleibt es.

Der sportliche Erfolg der deutschen Sportlerinnen und Sportler bleibt unerwähnt. Dabei trug dieser Erfolg mit 33 Gold-, 26 Silber und 30 Bronzemedaillen (dazu kamen noch zwölf Medaillen in den damals noch offiziellen Kunstwettbewerben) wahrscheinlich mehr zur Verbreitung der Irrlehre von der Überlegenheit der sogenannten arischen Rasse bei als viele ideologische NS-Traktate und suggerierte vor allem der Jugend das Gefühl deutscher Stärke und Überlegenheit. Über die politische Umdeutung des sportlichen Erfolges erfährt man nichts. Aly, der sich regelmäßig auf die Goebbels-Tagebücher stützt, ignoriert die zahlreichen sportbezogenen Einträge [1] und übersieht, dass sich sowohl Goebbels als auch Hitler in ihren Propagandareden zahlreicher Box- und Sportmetaphern bedienten. [2] Auch Himmler war von der Propagandawirkung des Sports überzeugt. Nach dem Erfolg von 1936 verkündete er die Vision der "SS als Kern zukünftiger Olympiamannschaften". [3]

Selbst in Kapitel VII "Mit Brot und Spielen in den Krieg" finden Sportveranstaltungen oder Turnfeste keine Erwähnung. Dabei war Hitler der erste Reichskanzler, der solche Veranstaltungen besuchte. Er nutzte sowohl das Stuttgarter Turnfest 1933 als auch das Deutsche Turn- und Sportfest in Breslau 1938 für aufwendig inszenierte Auftritte. Der kunstvoll inszenierte Wochenschaubericht der UfA-Tonwoche über den stockenden Vorbeimarsch der memel- und sudetendeutschen Turnerinnen, die weinend Hitlers Hand suchten, vor der Tribüne in Breslau fehlt in den wenigsten filmischen Dokumentationen über die NS-Propaganda. Auch die Expedition von 1000 deutschen Turnerinnen und Turnern zur Lingiade nach Stockholm im Sommer 1939 bleibt unerwähnt, obwohl die auf dem KdF-Dampfer Wilhelm Gustloff angereiste deutsche Delegation einen unerwarteten Publikumserfolg feiern konnte.

Den Namen des wohl populärsten Sportlers im 'Dritten Reich', Max Schmeling, mit 39 Nennungen der am häufigsten erwähnte Sportler in der Pressekonferenz der Reichsregierung, sucht man vergeblich. Dass Hitler von seiner Popularität zu profitieren suchte, indem er ihn mitsamt Ehefrau Anny Ondra, einer Filmgröße der 1930er Jahre, in die Reichskanzlei einlud, wird ebenso wenig erwähnt wie die Anordnung Hitlers, den Film über den Boxkampf Max Schmeling gegen Joe Louis im New Yorker Yankee-Stadion 1936 nicht in einer Wochenschau-Zusammenfassung, sondern als Hauptfilm laufen zu lassen. Durch das Zensurprädikat "staatspolitisch wertvoll, kulturell wertvoll, volksbildend, Lehrfilm" sorgte Goebbels dafür, dass der Film "Max Schmelings Sieg - ein deutscher Sieg" von der Vergnügungssteuer befreit vorgeführt werden konnte. Als einzigen Sportler erwähnt Aly in Kapitel IV/1 "Tempo: Die tödliche Logik politischer Raserei" Bernd Rosemeyer. Dessen Zugehörigkeit zur SS und der Versuch, seinen Unfalltod propagandistisch als "Kampf um Deutschlands Weltgeltung" (Göring) auszuschlachten, wird nicht erwähnt. Aly zitiert die Autobahnschwärmerei von Victor Klemperer, übersieht aber die zahlreichen Motorsportfilme in den späten 1930er Jahren, in denen sämtliche Auslandsstarts dokumentiert wurden, wie etwa "Deutsche Rennwagen in Front".

Die Symbiose sportlichen Starkults und nationalsozialistischer Heldenverehrung im Automobilsport hat in bewundernswerter Scharfsichtigkeit der Philologe und Pädagoge Victor Klemperer skizziert: "Die zeitlich zweite Uniform, in der nationalsozialistisches Heldentum auftritt, ist die Vermummung des Rennfahrers, sind sein Sturzhelm, seine Brillenmaske, seine dicken Handschuhe. Der Nazismus hat alle Sportarten gepflegt, und rein sprachlich ist von allen anderen nichts derart beeinflußt wie vom Boxen; aber das einprägsamste und häufigste Bild des Heldentums liefert in der Mitte der dreißiger Jahre der Autorennfahrer: nach seinem Todessturz steht Bernd Rosemeyer eine Zeitlang fast gleichwertig mit Horst Wessel vor den Augen der Volksphantasie [...] Eine Zeitlang sind die Sieger im internationalen Autorennen, hinter dem Lenkrad ihres Kampfwagens oder an ihn gelehnt oder auch unter ihm begraben, die meistphotographierten Tageshelden. Wenn der junge Mensch sein Heldenbild nicht von den muskelbeladenen nackten oder in SA-Uniform steckenden Kriegergestalten der Plakate und Denkmünzen dieser Tage abnimmt, dann gewiß von den Rennfahrern; gemeinsam ist beider Heldenverkörperungen der starre Blick, in dem sich vorwärts gerichtete harte Entschlossenheit und Eroberungswille ausdrücken. An die Stelle des Rennkampfwagens tritt von 1939 an der Tank, an die Stelle des Rennfahrers der Panzerfahrer." [4]

Aly, der Klemperers Tagebücher häufig zitiert, erwähnt die hier aufmerksam registrierten ästhetischen Reize der Sportpropaganda nicht. Diese auffallende Zurückhaltung kontrastiert mit zeitgenössischen Urteilen: 1937 notierten die "Deutschland-Berichte" der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Exil, dass die Jugend nicht von der "Idee des Nationalsozialismus [...] innerlich beseelt sei, es ist die Begeisterung für den Sport, für die Technik", die sie an das Regime bindet. [5] Aly erwähnt zwar, dass 1937 die Internationale Automobil- und Motorrad-Ausstellung "Kraft des Motors" von dem später berühmt gewordenen Architekten Egon Eiermann "wuchtig-modern" (175) gestaltet worden sei, vergisst aber zu erwähnen, dass sich Hitler auf seinem Weg von der Reichskanzlei zu den Hallen unter dem Funkturm von den Silberpfeilen von Mercedes und Auto-Union begleiten ließ. Im Vorfeld der Volksabstimmung über den "Anschluss" Österreichs und der Wahl des Großdeutschen Reichstages am 10. April 1938 revanchierte sich der Rennfahrer Rudolf Caracciola am 1. April 1938 im "Völkischen Beobachter" mit folgender Werbeanzeige: "Wir Rennfahrer sind Kämpfer für die Weltgeltung der deutschen Autoindustrie. Unsere Siege sind gleichzeitig Triumphe deutscher Ingenieurskunst und Werkmannarbeit. Der Führer hat unseren Fabriken wieder die Möglichkeit gegeben, Rennwagen zu bauen, deren Siege die Erinnerung an die bittere Zeit des rennsportlichen Beiseitestehens 1931/32 ausgelöscht haben. Die eindeutigen Erfolge dieser neuen Rennwagen in den vergangenen vier Jahren sind ein sieghaftes Symbol für das Aufbauwerk des Führers. Dafür danken wir ihm am 10. April aus vollstem Herzen durch unser JA!"

Ausführlich geht Aly auf die Spielfilmproduktion ein (Kapitel VII/2) - "Das kann doch einen Landser nicht erschüttern" - und thematisiert die Wohltaten und Vergünstigungen "für die Eliten des Kulturbetriebes" (343): Dabei erwähnt er eine steuerfreie Dotation für die "Lieblingsregisseurin Hitlers 'Fräulein Riefenstahl'" am 21. April 1938 über 100.000 RM. Dass dies ein Zusatzhonorar für ihren zweiteiligen Olympiafilm "Fest der Völker" (3429 Filmmeter) und "Fest der Schönheit" (2722 Filmmeter) war, der in Anwesenheit von Hitler und Goebbels im Ufa-Palast am Zoo an Hitlers Geburtstag 1938 aufgeführt wurde [6], erfährt der Leser nicht. Dabei war ihr schon von der Olympia-Film GmbH eine Gage von 250.000 RM zugesichert worden, bei Gesamtkosten von 2.750.000 RM. Die Olympia-Film GmbH war eine Tarngründung des Reichspropagandaministeriums, das vermeiden wollte im Ausland als Produzent und Finanzier der Olympiafilme identifiziert zu werden.

Aly erwähnt zwar die Feststellung des Politikwissenschaftlers und Historikers Karl Dietrich Bracher, dass der "nationale Sozialismus [...] seine Popularität aus 'einer eigentümlichen Verbindung von konservativer Kultur-Romantik und ökonomisch-technischem Progressismus'" bezog (237), übersieht aber, dass dieser "Pakt mit der Moderne (Technik, Medien, Sport), [...] ein wesentlicher Bestandteil seiner Erfolgsgeschichte ist" [7] und in wesentlichem Umfang den Sport einbezogen hat. Hier sei nur der intensivierte und erfolgreich gestaltete internationale Sportverkehr erwähnt, der übrigens zum Zuständigkeitsbereich von Goebbels Propagandaministerium gehörte. Aly, der ein wichtiges und sonst gut geschriebenes Werk zur Erfolgsgeschichte des Nationalsozialismus vorgelegt hat, ignoriert unverständlicherweise die erfolgreiche Sportpropaganda des 'Dritten Reiches' und hat den "Sport als Spielfeld der NS-Diktatur" [8] nicht wahrgenommen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Tobias Bürger: "Wir müssen erste Sportnation der Welt werden." Sportvermerke in den Tagebüchern von Joseph Goebbels, in: Stadion. Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports 36 (2010), 77-93.

[2] Vgl. Hans Joachim Teichler: Box- und Sportmethapern bei Hitler und Goebbels, in: ders.: Sport in den deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, Baden-Baden 2024, 181-184.

[3] Berno Bahro: Der SS-Sport. Organisation - Funktion - Bedeutung, Paderborn 2013, 135.

[4] Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen, Leipzig 1946, 10 f.

[5] Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei (Sopade), Bd. 4: 1937, Salzhausen 1986, 843.

[6] Hajo Bernett: Leni Riefenstahls Dokumentarfilm von den Olympischen Spielen, in: ders.: Sport und Schulsport in der NS-Diktatur, hrsg. von Berno Bahro / Hans Joachim Teichler, Paderborn 2017, 222-242, hier 230.

[7] Hans Joachim Teichler: Internationale Sportpolitik im Dritten Reich, 2. erw. Auflage, Baden-Baden 2022, 11.

[8] So der Titel der 2026 erschienenen siebten Ausgabe der "Alpendistel. Magazin für antifaschistische Gedenkkultur".

Hans Joachim Teichler