Peter Longerich: Unwillige Volksgenossen. Wie die Deutschen zum NS-Regime standen. Eine Stimmungsgeschichte, München: Siedler 2025, 637 S., ISBN 978-3-8275-0183-7, EUR 30,00
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In Unwillige Volksgenossen untersucht Peter Longerich, wie die deutsche Bevölkerung zum nationalsozialistischen Regime stand. Er stellt dabei die etablierte Meinung infrage, dass die Mehrheit der Deutschen die Politik Hitlers und seiner Partei begeistert mittrug. Dafür wertet er 5000 Lage- und Stimmungsberichte aus, die monatlich oder zweimonatlich von Gestapo-Beamten, Ober- und Regierungspräsidenten und anderen Amtsträgern verfasst wurden. Als Gegengewicht zu diesem Quellenkorpus zieht Longerich die Berichte der sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Exil heran. Er setzt sich mit seiner umfangreichen Recherche von bisherigen Arbeiten ab, die diese nicht unbekannte Quellengattung nutzten. Bisher erschienen zum Beispiel Editionen der Berichte, die entweder lokal beschränkt waren, nur eine Institution betrachteten oder bestimmte Themen in den Blick nahmen.
Longerich bietet durch das Prisma der Berichte eine Gesamtdarstellung Deutschlands von 1933 bis 1945. Er beschreibt die politische Umstrukturierung bis auf die unteren Lokalebenen und den dadurch entstehenden Verlust von Wissen auf lokaler Ebene, der unter anderem massive Missstände in der (Land-)Wirtschaft und Mangel an Lebensmitteln und anderen Gütern bei gleichzeitiger Stagnation der Löhne zur Folge hatte. Dabei zeigt der Autor immer wieder, dass viele Maßnahmen der Regierung auf negative Resonanz stießen und das Bild der begeisterten Deutschen vor allem durch straff organisierte Masseninszenierungen entstand. Dies galt unter anderem für die vermeintliche Kriegsbegeisterung der Deutschen. Laut Longerich hatten die meisten Menschen Angst vor einem Krieg und hofften ab 1939 vor allem, er möge bald vorbei sein. Überzeugend ist seine Darstellung der Klassenunterschiede in der Bevölkerung, die besonders im Krieg von Neid und Ablehnung geprägt waren. Die "Volksgemeinschaft", so Longerich, war dabei nicht etwa, wonach die Menschen strebten, sondern der Begriff wurde meist zynisch und ablehnend genutzt.
Longerich setzt sich eingehend mit der Position der christlichen Kirchen auseinander. Vor allem der katholischen Kirche gelang es, ihre Anhänger zu halten und teilweise offene Regimekritik zu äußern. Auch deshalb gaben die Stimmungsberichte den Kirchen breiten Raum. Nicht verständlich ist in diesem Zusammenhang, warum Longerich die Gruppe, die in der Berichterstattung oft den größten Platz einnimmt - die Kommunisten - fast nicht erwähnt, denn die Beamten beschrieben detailreich, wie kommunistische Untergrundnetzwerke versuchten dem Regime zu schaden.
Longerich stellt fest, dass sich die Stimmungsberichte schon bald zu "Beschwerdekatalogen" (21) entwickelten, die wirtschaftliche Schwierigkeiten anprangerten und Wut über Fehlverhalten von NSDAP-Repräsentanten bezeugten. Diese Kritikpunkte zeigen die Unzufriedenheit der Deutschen mit dem Regime, die durchaus ausgesprochen wurde, bei gleichzeitigem "Unwillen", aktiv dagegen vorzugehen (24). Während dieser Rückschluss auf die Unzufriedenheit im Alltag einleuchtend ist, fehlt zuweilen eine tiefergehende Differenzierung zwischen Unzufriedenheit und ideologischer Ablehnung. Wie ist es etwa zu beurteilen, dass die antisemitische Politik des Regimes in diesem Beschwerdekatalog nicht auftaucht?
Longerich argumentiert, dass die Mehrheit der Deutschen nicht mit den antisemitischen Maßnahmen einverstanden gewesen sei. Zwar erwähnt er auch die ideologische Übereinstimmung mit dem Regime, nimmt diesen Aspekt aber eher selten in seine Argumentation auf. Eine Gelegenheit hierfür hätte sich bei seiner beeindruckenden Schilderung des massiven Widerstands aus der Bevölkerung infolge der Entfernung von Kruzifixen aus den Schulen gegeben. Warum gesteht Longerich den nichtjüdischen Deutschen zu, dass sie aufgrund der Gewalt des Regimes Angst hatten, sich kritisch über die Verfolgung der Juden zu äußern, während seine Darstellung der Demonstrationen gegen die Kruzifix-Entfernung zeigt, dass sie in dieser Frage durchaus gewillt waren, ihre Opposition offen zu zeigen und damit die Maßnahmen des Regimes beeinflussen konnten?
Unter anderem anhand der Reaktionen über die Kruzifix-Entfernung zeigt Longerich, dass die Politik des Regimes keine geradlinige Erfolgsgeschichte war. Die Regierung musste bei etlichen Maßnahmen aufgrund der Ablehnung oder Nichtbeachtung der Bevölkerung ihren Kurs ändern - etwa als Goebbels versuchte, die Deutschen aus Angst vor der "Jüdischen Rache" (408) zu einem verstärkten Kriegseinsatz zu bewegen. Hierbei geht Longerich so weit zu erklären, die Bevölkerung habe sich 1944 nicht "zu Komplizen des Massenmordes machen" lassen wollen (467). Angesichts der Tatsache, dass tausende Deutsche von Enteignung ihrer (jüdischen) Nachbarn profitierten, dass Wehrmachtssoldaten, Polizei- SS- und SD-Angehörige Jüdinnen und Juden in Osteuropa erschossen und ihre Kolleginnen und Kollegen den Massenmord durch Gas in Lastwagen und Lagern perfektionieren, klingt diese Aussage befremdlich.
Laut Longerich ist das Verhalten der Deutschen weniger mit den Extremen Terror oder Zustimmung zu erklären: "Anpassung an die gegebenen Verhältnisse, Risikovermeidung, Opportunismus und nicht zuletzt der Mangel an Alternativen spielten im Verhältnis der Menschen zum Regime eine größere Rolle als Konsens und Zustimmung" (473). Der Autor stellt anhand zahlreicher Beispiele diese Verhältnisse dar, beschreibt detailliert die Lebensumstände der deutschen Bevölkerung während der zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft und lenkt den Blick auf den Alltag der Menschen, der von Misstrauen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten geprägt war. Weshalb die Mehrheit der Deutschen trotz dieser Verhältnisse das Regime bis zum bitteren Ende zumindest passiv stützte, wird jedoch nicht wirklich klar.
Dies resultiert auch aus Longerichs Fokus auf die Lageberichte. Die Motive der Berichtsschreiber machen diese zu einer mit Vorsicht zu nutzenden Quelle. Dies erkennt Longerich an, argumentiert jedoch, dass die Problematik durch die große Anzahl der Quellen "ausgeglichen" (21) werde. Doch gerade aufgrund der Masse der Quellen kann der Autor kaum eine tiefgehende Quellenkritik vollziehen und sich mit den Absichten und Handlungsspielräumen einzelner Verfasser auseinandersetzen. So nutzten etwa Gestapo-Beamte die Berichte, um ihre Daseinsberechtigung zu legitimieren, etwaige Bedrohungen überzubewerten und aus Eigeninteresse die Kritik an der Partei als Kritik aus der Bevölkerung darzustellen.
Die Lageberichte waren keine Tatsachenberichte über die ideologische Zu- oder Ablehnung der Deutschen gegenüber dem Regime. Dennoch zeigt sich durch ihr Prisma, welche Themen die Menschen bewegten und wie sich die Diktatur ganz direkt auf die Lebenssituation der Deutschen auswirkte. Hier liegt die Stärke des Buchs: Einen großen zeitlichen und geografischen Bogen spannend, gelingt es Longerich, einen neuen Blick auf die Alltagsgeschichte im 'Dritten Reich' durch die Augen seiner Vollstrecker zu werfen.
Paula A. Oppermann