Markus Bußmann / Winfried Baumgart (Hgg.): Richard von Kühlmann. Memoiren und politische Korrespondenz 1904-1918 (= Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts; Bd. 81), Berlin: Duncker & Humblot 2024, 803 S., ISBN 978-3-428-19205-2, EUR 119,90
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Richard von Kühlmann (1873-1948) gehört zu den heute weitgehend vergessenen Politikern des Deutschen Kaiserreichs, obwohl er fast ein Jahr lang und in einer wichtigen Phase des Ersten Weltkriegs - vom 5. August 1917 bis zum 9. Juli 1918 - Staatssekretär des Auswärtigen Amts war und damit quasi Reichsaußenminister, eine Amtsbezeichnung, die freilich erst in der Weimarer Republik eingeführt wurde. Seine Amtszeit deckte sich weitgehend mit der der Reichskanzler Georg Michaelis (14. Juli bis 1. November 1917) und Georg von Hertling (1. November 1917 bis 30. September 1918). Kühlmann entstammte einer ursprünglich bürgerlichen, fränkischen Familie, der unter seinem Vater Otto (von) Kühlmann (1834-1915), der von 1869 bis 1872 für die Bayerische Fortschrittspartei Mitglied der bayerischen Kammer der Abgeordneten war und im Wege der Eheschließung mit Anna Freiin von Redwitz auf Schmölz und Theisenort gesellschaftlichen Anschluss an den bayerischen Adel fand, 1892 der Aufstieg in den erblichen Adelsstand gelungen war. Otto von Kühlmanns erfolgreiche berufliche Karriere ab 1872 als Direktor der Orientbahn bzw. Generaldirektor der Anatolischen Eisenbahn im Osmanischen Reich brachte es mit sich, dass Richard von Kühlmann in Konstantinopel geboren wurde, dort Teile seiner Kindheit und Jugend verbrachte und bereits früh in Berührung kam mit den nationalen und internationalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Netzwerken seines Vaters. Diese ermöglichten ihm nach seinem Jura-Studium in Leipzig, Berlin und München, das er 1896 mit der Promotion in Heidelberg und 1899 mit dem Zweiten Staatsexamen abschloss, auch den Einstieg in den diplomatischen Dienst des Deutschen Reiches.
Im Jahr 1900 begann er als Legationssekretär in St. Petersburg, wechselte anschließend nach Teheran und London und 1904 nach Marokko. Daran schlossen sich bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Verwendungen in Washington, Den Haag und London an. Danach wurden ihm Sondermissionen in Stockholm und Konstantinopel anvertraut, bis er 1915 Gesandter im neutralen Königreich der Niederlande und im Herbst 1916 Botschafter im verbündeten Osmanischen Reich wurde. Kühlmanns Ernennung zum Außen-Staatssekretär war insofern die Krönung einer steilen Diplomaten-Karriere. In der ersten Jahreshälfte 1918 vertrat er das Deutsche Reich bei Friedensverhandlungen mit Russland und der Ukraine in Brest-Litowsk sowie bei den Verhandlungen mit Rumänien, die im Mai 1918 zum Frieden von Bukarest führten. Als Staatssekretär stand Kühlmann in stetigem Konflikt mit der Obersten Heeresleitung, die letztlich auch seinen Sturz herbeiführte, weil er im Reichstag allzu deutlich auf die Notwendigkeit eines Verständigungsfriedens hingewiesen hatte. Nach seinem Rücktritt zog Kühlmann sich auf sein Gut Ohlstadt in Oberbayern ins Privatleben zurück, schrieb Bücher und amtierte als Eigentümervertreter in mehreren Aufsichtsräten von Firmen der Familie seiner 1917 verstorbenen Ehefrau Margarete Freiin von Stumm-Ramholz. Politisch betätigte er sich nicht mehr. Seine 1920 geschlossene zweite Ehe wurde bereits 1923 geschieden. Aus seiner ersten Ehe hatte Kühlmann zwei Töchter und einen Sohn.
Kühlmann hatte kurz vor seinem Tod noch umfangreiche "Erinnerungen" vorgelegt. Die von Winfried Baumgart und Markus Bußmann im vorliegenden Band edierten und um politische Korrespondenz aus den Jahren 1904 bis 1918, entweder im Original oder in Regestenform, ergänzten "Memoiren" sind gleichwohl für die Forschung von großer Bedeutung. Dies allein schon deshalb, weil der Nachlass Kühlmanns 1943 bei einem Luftangriff auf Berlin überwiegend verbrannte. Das Rohmanuskript der Memoiren entging dagegen dem Inferno. Die Bedeutung der Anfang der 1930er Jahre verfassten Memoiren ergibt sich aber vor allem auch daraus, dass sie, anders als die Erinnerungen, zu den geschilderten historischen Ereignissen eine größere zeitliche Nähe aufweisen und sich Kühlmann als damals um die 60-jähriger Mann noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte befand. Die Memoiren waren ursprünglich zur Veröffentlichung bestimmt, doch ließen die Folgen der Errichtung der NS-Diktatur Kühlmann offenbar von diesem Vorhaben Abstand nehmen.
Auch wenn die Edition unter dem Strich nur wenig grundsätzlich neue Erkenntnisse bietet, so machen die versammelten Quellen doch in aller Deutlichkeit bewusst, dass Kühlmann ein zu Unrecht vergessener Politiker ist. Er befand sich seit dem Beginn seiner Karriere als Diplomat immer wieder an Orten, in denen Weltpolitik gemacht wurde: Zu nennen ist hier v.a. 1905 die Landung Kaiser Wilhelms II. in Tanger und deren diplomatische Folgen, aber auch seine Tätigkeit als Botschaftsrat in London, als er sich nachdrücklich für eine Verbesserung des deutsch-britischen Verhältnisses einsetzte. Kühlmanns Einfluss war hier teilweise größer als es seinem Rang eigentlich zukam. Ab 1912 verhandelte er mit London über koloniale Fragen, die auf eine Aufteilung des portugiesischen Kolonialbesitzes in Afrika zwischen beiden Mächten hinausliefen. Ein Inkrafttreten der beiden ausgehandelten Verträge verhindert bereits damals die Opposition der englandfeindlichen Militärs um Großadmiral Tirpitz und dann der Ausbruch des Weltkriegs. In den Niederlanden bemühte sich Kühlmann erfolgreich darum, dass das Königreich seine Neutralität wahrte, und als Sondergesandter in seiner Geburtsstadt Konstantinopel arbeitete er für den Kriegseintritt des Osmanischen Reiches an der Seite der Mittelmächte. Seine Ernennung zum Botschafter krönte diese erfolgreichen Bemühungen gewissermaßen.
Deutlich wird auch, dass Kühlmann, in Fortsetzung seiner diplomatischen Bemühungen von vor dem Kriegsausbruch, von Anfang an verständigungsorientiert war. Im Gegensatz zu den Rechtsparteien im Reichstag und zur Obersten Heeresleitung glaubte er nicht an einen Siegfrieden. Entsprechend agierte er als Staatssekretär des Auswärtigen. Auch wenn er den Vermittlungsbemühungen Papst Benedikts XV. skeptisch gegenüberstand, so arbeitete er doch, in realistischer Einsicht, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, für einen Verständigungsfrieden. Bei den Verhandlungen in Brest-Litowsk trat er für mildere Friedensbedingungen ein und lehnte vor allem größere Annexionen russischen Gebiets durch das Deutsche Reich ab. Das brachte ihn in immer größeren Gegensatz zur Obersten Heeresleitung, die schließlich beim Kaiser seine Entlassung durchsetzte. Die Edition zeigt in aller Deutlichkeit, wie heikel unter den Bedingungen der extrakonstitutionellen Stellung der Militärs und angesichts der Schwäche des Kaisers, die Rolle der zivilen Reichsleitung in der Verfassungsordnung des Kaiserreichs war. Im Konfliktfall saß die Oberste Heeresleitung am längeren Hebel.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Winfried Baumgart und Markus Bußmann eine mustergültige Edition vorgelegt haben, die wieder einmal Maßstäbe setzt. Dies gilt insbesondere für die beiden fundierten Einleitungen der Herausgeber, aber auch für die ausgezeichnete Kommentierung der Quellen. Ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Register, das Personen- und Ortsnamen enthält, runden den Band ab. Der Rezensent ist geneigt, dem Urteil der Herausgeber zuzustimmen, dass Richard von Kühlmann ein wirklicher Staatsmann war. Umso wichtiger wäre es, ihn dem Vergessen zu entreißen. In der Edition erfährt man nur wenig über Kühlmann als Person, der Schwerpunkt liegt notwendigerweise auf dem Diplomaten und Politiker und auf dem Zeitraum 1904 bis 1918. Insofern wäre es zu begrüßen, wenn Markus Bußmann in absehbarer Zeit eine Biographie Richard von Kühlmanns vorlegen würde.
Matthias Stickler