Peter Geiss: Geschichte in Zeiten der Unsicherheit. Wie Politik seit der Antike aus der Vergangenheit lernt, Stuttgart: W. Kohlhammer 2025, 504 S., ISBN 978-3-17-045282-4, EUR 25,00
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Das Lernen aus der Geschichte in Krisensituationen berührt ein Grundanliegen, welches sowohl einem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Orientierung entspricht als auch mit den Grundfragen der Disziplin Geschichtswissenschaft sowie der Geschichtsvermittlung korrespondiert. Anders als der Titel des Bandes zunächst vermuten lassen könnte, geht es jedoch explizit nicht um die Bilanzierung eines umfassenden historischen Lernertrags für die Bewältigung akuter Probleme unserer Gegenwart (7). Der Autor Peter Geiss geht im vorliegenden Werk der Grundfrage nach, inwiefern und was sich aus Geschichte überhaupt lernen lässt. Die auf Grundlage von Fallbeispielen vorgenommene Untersuchung richtet dabei den Fokus auf die jeweiligen Akteure, die in konkreten Krisensituationen versuchten, ihr Handeln von historischen Erkenntnissen abzuleiten, sowie auf die sich jeweils aus den Entscheidungen und Maßnahmen ergebenden Konsequenzen.
Der Hauptteil, bestehend aus vierzehn Fallstudien, wird von zwei einleitenden Kapiteln sowie einem bilanzierenden Schlussteil eingerahmt. Die für sich genommen umfassend erforschten Fallbeispiele umspannen in chronologischer Folge den Zeitraum von der Antike (der Zeit des römischen Kaisers Augustus) (36-63) bis zum Ende des 20. Jahrhunderts (dem Kosovokrieg) (381-405).
In der Einleitung des Bandes umreißt der Autor das Spektrum dessen, was unter Bezugnahme auf Geschichte ge- oder missbräuchlich zur Legitimation politischen Handelns in einer jeweiligen Gegenwart verstanden werden kann. Ebenso erläutert er, zurückgreifend bis zu den Postulaten der europäischen Antike, die Positionierungsansätze der Fachdiskurse zur Orientierungsfunktion von Geschichte und plädiert für einen pragmatischen Ansatz, welcher nicht nur mögliche Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart in ihrer Pluralität berücksichtigt, sondern ebenfalls aus dem Spektrum früherer Lernversuche zu profitieren versucht (13). Die für das Vorhaben zusammengestellten Beispiele folgen in der Anzahl sowie der inhaltlichen Schwerpunktsetzung - so betont Geiss ausdrücklich - keiner Sachlogik, sondern seien von seinen persönlichen Interessen und Kenntnissen geleitet, in jedem Fall fragmentarisch und könnten beliebig erweitert werden (15). Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat bei der Themenauswahl mit insgesamt neun Beispielen ein starkes Übergewicht. Der Frühen Neuzeit sind drei Beispiele gewidmet, Antike und Mittelalter finden jeweils in lediglich einem Beispiel Berücksichtigung. Einzelne der untersuchten Fälle erscheinen im Kanon der Untersuchung aufgrund ihrer unmittelbaren Evidenz schlüssig, so etwa die Antike als Bezugsrahmen politischer Handlungsformen im Florenz der Medici, (89-111) oder der "Schuman-Plan" und der Schritt zur Montanunion 1951 als Lernertrag aus den unmittelbar zurückliegenden Kriegs- und Verbrechenserfahrungen, (225-249) um nur zwei Kapitel herauszugreifen. Andere Beispiele jedoch, wie die Behandlung der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof und deren Lehren aus der NS-Geschichte (331-357) oder die 1976 von US-Präsident Gerald Ford angeordnete Massenimpfung nach einer Tier-Mensch-Übertragung von Schweinegrippe im Militär, die gar nicht zur befürchteten Pandemie führte, (358-380) mögen auf den ersten Blick im Kanon der ausgewählten Fallstudien überraschen, bzw. die Neugierde des Publikums auf die Lektüre wecken.
Die thematisch geschlossenen Kapitel folgen einem dreischrittigen Aufbau, um die zeitlich weit auseinander liegenden Fallbeispiele methodisch vergleichbar zu machen. Der Schilderung eines historischen Zusammenhangs, im ersten Schritt, etwa einer politischen oder militärischen Ausnahmesituation, in welcher die Entscheidung oder Handlung eines Akteurs oder Gremiums gefordert war, folgt im zweiten Schritt eine genaue Untersuchung darüber, welche konkreten historischen Ereignisse oder Epochen von diesen als Referenz aufgegriffen wurden. Unter Heranziehung von Quellen analysiert Geiss, wie die jeweiligen Akteure ein Handlungskonzept, gestützt auf Wissen oder Lehren aus der Vergangenheit, zu begründen suchten. Im dritten bilanzierenden Schritt jedes Kapitels steht die historische Überprüfung, inwieweit die Orientierung an der historischen Analogie zur jeweiligen Krisenbewältigung beitrug oder neue Konfliktsituationen und Probleme hervorbrachte. Die Verbindungen zwischen den Fallbeispielen werden an den entsprechenden Stellen durch zahlreiche Querverweise hergestellt.
Die abschließend bilanzierten Erträge der ausgeführten Beispiele, die, gemessen an den Zielsetzungen der Akteure, variabel zu bewerten sind und verschiedene Muster des beanspruchten "Lernens aus Geschichte" demonstrieren, bestätigen das einleitend formulierte Plädoyer des reflektierten Umgangs mit der Analogiebildung (406). Dies demonstriert Geiss anschaulich an einem abschließenden Beispiel, unter Anwendung des Analyserasters von Richard E. Neustadt und Ernest May auf Graham Allisons Darstellung über den aktuellen Großmachtkonflikt zwischen den USA und der Volksrepublik China mit der Analogie zum Peloponnesischen Krieg ("Thukydides-Falle") (410-419). Im Sinne der von Geiss angestrebten Pluralität der Analogien (13) wäre es sicher bereichernd, hierbei auch einen zusätzlichen Blick auf die Ansätze der chinesischen Historiker zu richten [1], die zu diesem Konfliktfeld ebenfalls historische Bezüge konstruieren, ihre Referenzen jedoch bei den Gelehrten der chinesischen Antike suchen und nicht im westlichen Griechenland. Dies wäre jedoch der Stoff für ein eigenes zusätzliches Kapitel. Andere Möglichkeiten zur Festlegung der Fallbeispiele, eine gleichgewichtige Verteilung der Fallbeispiele auf die Epochen oder die Erweiterung der Gesamtzahl würden die von Geiss herausgearbeiteten Muster des "Lernens aus dem Lernen" wahrscheinlich bestätigen. Hier lässt der Band in jedem Fall viel Platz und Anregung für Diskussionen und Fortsetzungen.
Auch wenn keine Rezepte zur Lösung von Gegenwartsproblemen angestrebt wurden, liefert der Band umfassende inhaltliche und methodische Impulse. Geiss zeigt, dass eine sachgerechte Konstruktion historischer Analogien - innerhalb der Geschichte oder in Bezug auf die Gegenwart - ein aufwendiges, aber erforderliches Geschäft bleibt, das, auch aufgrund der im vorliegenden Band geleisteten Gründlichkeit, im Rahmen von Lehrveranstaltungen zur Förderung einer wichtigen Dimension des historischen Denkens dienen kann. Mit den von Geiss bei der Analyse verwendeten Passagen aus den jeweils maßgeblichen Textdokumenten sowie Reproduktionen von Bild- und Sachquellen liefert er bereits das hierzu erforderliche Material. Vordergründig eingeworfene oder unsachgemäß konstruierte Gegenwartsanalogien stellen z.B. auch eine große Herausforderung im Umgang mit aktuellen Schulbuchdarstellungen dar [2], deren Dekonstruktion ein darauf gerichtetes methodisches Training erfordert.
Die Bedeutung des Bandes zeigt sich ebenso in der immer wieder aufs Neue zu stellenden Frage nach dem Lernen aus der Geschichte mit Bezug auf den allgemeinen bildungspolitischen Diskurs, in welchem der Bildungswert eines wissenschaftsorientierten Geschichtsunterrichts auch in den aktuellen Zeiten der Unsicherheit seinen Stellenwert behaupten muss. Der bekannte Aufsatz von Thomas Nipperdey "Über Relevanz" wird dementsprechend von Geiss im Vorwort nicht nur zitiert, sondern auch in den Zeitkontext des Jahres 1972 gestellt, in welchem das Fach Geschichte für manche Zeitgenossen zur Disposition stand (9).
Vermutlich einer Verlagsvorgabe geschuldet ist die störende Navigation zwischen dem Fließtext und den fortlaufend nummerierten Endnoten im Anhang (420-502). Die Anmerkungen und Belege hätte man bei dieser Materie wohl lieber als Fußnoten auf den betreffenden Seiten zur Verfügung. Der methodische und theoretische Ertrag des Bandes, dem umfassende Beachtung zu wünschen ist, wird dadurch jedoch in keiner Weise getrübt.
Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Daniel A. Bell / Sun Zhe (eds.): Xan Xuetong, Ancient Chinese Thought, Modern Chinese Power, Princeton 2011.
[2] Vgl. exemplarisch die suggerierten Analogien zwischen der Herrschaft des weiblichen Pharaos Hatschepsut und der Bundeskanzlerin Angela Merkel oder zwischen einer ägyptischen Totenmaske und Eurovision-Contest-Siegerin Conchita Wurst im bayerischen Realschulbuch von Arnold Bühler / Christian Fritsche / Franz Hohmann (Hgg.): Geschichte entdecken 1, Bamberg 2018, 47, 58.
Michael Wobring